Michael Busch

Fall Nummer 1: Die Feuerwehr Erlangen fährt bei einer Einsatzfahrt, gemeldet war ein Brand, durch die Fußgängerzone. Ein Vater mit Kinderwagen gefällt das offensichtlich nicht und er stellt sich vor eines der Einsatzfahrzeuge, bremst es damit aus und moniert das Verhalten der Feuerwehrleute. Dass diese zu einem Notfall wollen, interessiert den aufgebrachten Mann offensichtlich nicht.
Fall Nummer 2: Nochmals Feuerwehr, diesmal bei der Absperrung eines Triathlons. Sie sorgen dafür, dass die Sportler eine Kreuzung im Landkreis ungehindert queren können. Immer wieder zeigen aufgebrachte Autofahrer, die in dieser Zeit die Kreuzung nicht queren können, den Mittelfinger oder beschimpfen die Einsatzkräfte.
Fall Nummer 3: Notarzt Peter Leonhardt fährt nach einer ehrenamtlichen Schicht am Dechsendorfer Weiher zurück zur Wachstation. Bei der Rückfahrt wollen aus einer Gruppe heraus Passanten ihm erklären, warum er die Straße nicht befahren dürfe. Bestückt wurde die Auseinandersetzung mit Drohungen und Beschimpfungen. Um eine Eskalation zu vermeiden, bleibt der erfahrene Notarzt im Auto sitzen und versucht der Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen.
"Mal ganz direkt gesagt: Das war Nötigung!", ärgert er sich auch noch Tage später. Es sei eine Verrohung und eine Distanzlosigkeit gegenüber den Rettungseinheiten, die er seit geraumer Zeit feststelle. "Es sind Minderheiten, aber eben laute Minderheiten, die für Frust sorgen." Denn der Passant wisse in der Regel nicht, warum er als Notarzt unterwegs ist.
"Die Situation in Dechsendorf war eben auch so ärgerlich, weil keiner dieser Pöbler beurteilen konnte, was man vorher gemacht habe." In Leonhardts Fall war das sein "normaler" Arztdienst, dann eine langwierige Besprechung, bevor er von 17 Uhr bis kurz vor Mitternacht bei "Nena am See" seinen Dienst absolvierte - und den ehrenamtlich.


Neidfaktor wächst

Warum? Eine befriedigende Antwort habe er nicht. "Es ist ein Stück Neid dabei! Die mit dem Blaulicht auf dem Dach kommen überall durch, haben Privilegien." Das gelte für den Feuerwehrmann mit der Kelle, für den Sanitäter, der im Einsatz den Ton angibt.
Thomas Heideloff, Rettungsdienstleiter, untermauert das: "Manche Menschen sehen die Rettungseinheiten als Teil der staatlichen Gewalt. Und damit haben manche ein Problem, das sie in Rücksichtslosigkeit äußern." Wobei er mit Leonhard übereinstimmt, dass diese Fälle in der hiesigen Region zwar zunehmen, aber "man sich immer noch auf einer Insel der Glückseligen befinde". Heideloff weist auf die Nachbarstädte Fürth und Nürnberg hin: "Da geht es wesentlich heftiger zu. Sowohl bei den verbalen Übergriffen als auch bei den Tätlichkeiten." Immer öfter bräuchten Einsatzkräfte andere Einsatzkräfte, um selber Hilfe zu bekommen.
Peter Leonhardt sieht ein gesellschaftliches Problem, auch wenn es nur wenige Störer sind. Im Straßenverkehr beobachte er eben auch, dass man sich despektierlich den Einsatzkräften gegenüber verhalte. "Natürlich fahren wir oft zügiger, wenn wir unterwegs sind, geht es bei manchen Vorfällen um Minuten." Er versteht nicht, dass dann Menschen, die selber mal diese schnelle Hilfe brauchen könnten, mehr Zeit damit aufbringen den Rettungsdienst zu beschimpfen oder gar zu bedrohen, als sich entsprechend zu verhalten.


Schulung fehlt

Beim Straßenverkehr komme es aber zu einem weiteren Symptom, was aber nicht die vulgären und obszönen Gesten erkläre. Heideloff meint: "Manche Menschen wissen wohl nicht, wie sie sich zu verhalten haben. Da scheint es an der Ausbildung zu mangeln." Oder an der Weiterbildung. Er weist auf die frühere Fernsehsendung "Der 7. Sinn" hin, indem der Zuschauer über genau solche Dinge immer wieder aufgeklärt wurde.
Dem Phänomen versucht man aber auch aktiv entgegenzutreten. "Wir bieten in der Schulung Deeskalationskurse an, als ein Schritt", sagt der Mann vom Bayerischen Roten Kreuz. "Wir haben aber auch Meldeformulare, um solche Übergriffe zu dokumentieren. Noch sind es "nur" vier bis sechs Ereignisse im Jahr. Die Fahrt am Dechsendorfer Weiher von Peter Leonhardt ist da nicht dabei.