Betritt man den noch im alten Ortskern gelegenen jüdischen Friedhof, fällt der Blick des Besuchers auf die Grabdenkmäler jüngsten Datums. Tritt man einige Schritte in das dicht belegte Grabfeld, stechen aus den zeitgemäßen Grabsteinformen dunkle Obelisken heraus: Sie stehen auf den Gräbern der Familie Herz. Das markanteste ist das für Jakob Herz, der am 2. Februar 1816 in Bayreuth geboren wurde.
Am 27. September 1871 verstarb der Ordinarius für Anatomie der Universität Erlangen und Ehrenbürger der Stadt ebendort. Die Trauerfeier findet auf dem Neustädter Friedhof statt. Schon 1875 errichtet die Stadt Jakob Herz ein Denkmal auf dem Holzmarkt, wie damals der Hugenottenplatz noch hieß.
Doch warum wurde der anerkannte Mediziner und Wohltäter in Baiersdorf bestattet? Der erste Grund ist praktischer Natur. Zwar lebten um diese Zeit bereits Angehörige der jüdischen Glaubensgemeinschaft in Erlangen; einen Friedhof errichtete man aber erst 1891. Die Wahl des Begräbnisorts fiel auf Baiersdorf, auch wegen der langen Verbindungen der Familie zum Sitz des Oberrabinats für das Markgrafentum Bayreuth. Die in Bayreuth ansässige Familie Herz führt ihren Ursprung zurück auf den Hofbankier Samson Salomon, den Stifter der Synagogen von Bruck und Baiersdorf. Auch er ist in Baiersdorf bestattet.
Der Historiker Horst Gemeinhardt, der auch Führungen auf dem Baiersdorfer Judenfriedhof veranstaltet, hat viele der erhaltenen Grabsteine dokumentiert und arbeitet seit Jahren daran, die Menschen und Schicksale hinter den Namen lebendig werden zu lassen.


Ehrenbürger von Erlangen

Der Lebensweg des Erlanger Ehrenbürgers Jakob Herz ist nicht untypisch für sich emanziernde jüdische Familien des 19. Jahrhunderts. Mit 21 Jahren nimmt Koppel Herz - so die westjiddische Namensform - sein Medizinstudium auf. Schon nach vier Jahren promovierte er über verkrüppelte Füße. Seine Fachbeiträge machen ihn in der wissenschaftlichen Welt bekannt. Nachhaltig beeinflusst wird er durch die Erkenntnisse von Ignaz Semmelweis zum Kindbettfieber. Dennoch wird Herz' Habilitation 1854 ausdrücklich mit dem Hinweis auf seine jüdische Religionszugehörigkeit abgelehnt. Obwohl es heißt, ihm seien die Studenten nur so zugeflossen, während der Ordinarius vor leeren Bänken redete. Erst 1869 wird Herz der erste Ordinarius für Anatomie in Bayern, der jüdischen Glaubens ist. Wegen seines sozialen Einsatzes hatte ihm zwei Jahre zuvor der bayerische König das Ritterkreuz des Verdienstordens vom heiligen Michael verliehen und die Stadt Erlangen ihn zum Ehrenbürger ernannt. Herz' früher Tod ist vermutlich auf eine Sepsis zurückzuführen, die er sich als Leiter eines Spitalzugs im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 zugezogen hatte.
Trotz der hohen Ehren, die ihm seine Zeitgenossen entgegenbrachten, fasste schon im Herbst 1933 der umgebildete Erlanger Stadtrat den Beschluss, das Denkmal zu entfernen. "Bekannte Erlanger Nationalsozialisten stellen sich triumphierend dem Photographen", schreibt Gemeinhardt in seinem Exposé über Herz. Auch das Grab blieb nicht unversehrt. Ein bronzener Lorbeerkranz wurde abgerissen und die schmiedeeiserne Einfassung zerstört. Seit 1983 erinnert eine Stele in Form des Grab-Obelisken in der Erlanger Universitätsstraße an den herausragenden Mediziner. "Dabei hatten sich die Nationalsozialisten alle Mühe gegeben, die Erinnerung an ihn auszulöschen", schreibt Gemeinhardt. Die Universität verleiht zum 200. Geburtstag zum vierten Mal den Jakob-Herz-Preis.