Bei den Olympischen Winterspielen 1984 fieberte Jeannette Fiedler aus Nordhalben am Bildschirm mit. Doch dann kam der Bosnienkrieg. Heute ist das gesamte Gelände in weiten Teilen noch vermint und der Zutritt ist ohne Tourenguide strikt verboten. Im Touristik-Center blockte man sie ab und verwies auf die großen Gefahren des unbefugten Zutritts. Wie sie es dennoch geschafft hat, ihre Bilder zu schießen und was sie Unglaubliches erlebt hat, das erzählt folgende Geschichte.

"Geführte Touren gab es nur am Wochenende und so lange wollte und konnte ich nicht warten." Sie war mit ihrer Freundin auf Backpacker-Tour im Balkan unterwegs und die Zeit drängte. "Ich hab zu meiner Freundin gesagt: ,Ulla, ich muss da nauf. Unbedingt!' Und tatsächlich haben wir jemanden gefunden, der Deutsch gesprochen hat und der uns ein Taxi besorgte. Wir waren in der Tat ziemlich blauäugig, sind eingestiegen und stürzten uns in ein mehr als gewagtes Unternehmen."

1629 Meter ist er hoch, der Berg, an dem sich schon so viele Schicksale entschieden haben. "15 Euro hat es gekostet, damit die mit uns da rauffahren. Als der Wald dichter wurde und es höher und höher ging, wurde mir schlecht. Meine Gedanken rasten und ich dachte: ,Ich sterbe in Sarajevo auf diesem Berg.'"

Eine Seilbahn als Mahnmal

Fiedler und ihre Freundin Ulla haben es überlebt. "Aber als der Fahrer ausgestiegen ist, um das Taxischild abzumontieren, ist mir noch mal das Herz in die Hose gerutscht." Das habe er aber nur gemacht, weil niemand diese Strecke fahren hätte dürfen, schon gar kein Taxi.

"Alles war zerbombt, der Anblick war unbeschreiblich traurig," schildert sie ihre Eindrücke. "Die Seilbahn stand wie ein Mahnmal in der Landschaft." Irgendwann sei die Fahrt zu Ende gewesen und die beiden Frauen hätten das Taxi verlassen. "Wir mussten etwa 50 Meter bis zum Startpunkt laufen, durften den Weg nicht verlassen und mussten uns dann bis nach unten in der Röhre bewegen. Als wir da drin waren, dachte ich nur: 'Oh mein Gott, wie viele Opfer hat dieser Krieg gefordert?'"

Sie findet kaum noch Worte, als sie den Gang durch die Hauptröhre beschreibt, in der sie ein Motiv nach dem anderen gefunden habe. "Ich war wie im Fieber, die Angst war vollkommen weg." Plötzlich habe das Loch einer Granate in einer der Nebenröhren ihre Aufmerksamkeit erregt. "Ich wusste nicht, ob wir da reindürfen, aber um nichts in der Welt wollte ich dieses Foto verpassen."

Sie erzählt von den Graffitis mit Kriegsmotiven an den Wänden und von verbogenen Eisengerüsten. "Da habe ich mir überlegt, welch traurige Geschichte diese Bahn wohl erzählen könnte. Und ich habe versucht, ein bisschen davon in meine Bilder einfließen zu lassen."

Am Ende der Röhre standen die beiden nun. Sie mussten noch ein ganzes Stück bergab, hatten aber keine Ahnung, welcher Weg der sicherste wäre. "Da kam uns ein Einheimischer entgegen und wir nahmen die Route, die er genommen hat. Wenn ich heute daran zurückdenke, läuft mir mehr als nur ein Schauder über den Rücken."

Auf Facebook und Instagram ist die Künstlerin unter "die_Pestaerztin" zu finden. Am Start ist sie auch beim zweiten Kunst Konsum in Nordhalben am 1. März von elf bis 18 Uhr.