Sigismund von Dobschütz

Zwölf Stunden lang schien der Angeklagte die Verhandlung am Bad Kissinger Schöffengericht teilnahmslos über sich ergehen zu lassen. Beschuldigt war er der sexuellen Nötigung, der Vergewaltigung, körperlicher Misshandlung, mehrfacher Sachbeschädigungen, Bedrohungen und Beleidigungen. Am Ende entschied das Gericht "im Zweifel für den Angeklagten" und verurteilte ihn zu sechs Monaten auf Bewährung. Der 38-jährige Diplom-Ingenieur aus Unterfranken war angeklagt, an einem Donnerstag im April 2016 nach heftigem Streitgespräch seine damalige Freundin gegen ihren Willen unter Gewaltanwendung zum Beischlaf gezwungen zu haben. Vorher hatte er in ihrer Wohnung randaliert, mit einem Küchenmesser Selbstmord- und Morddrohungen gegen einen vermeintlichen Nebenbuhler geäußert und aus Eifersucht ihr Handy zerstört. Zwei Tage später sei es erneut zu einem Streitgespräch in der Wohnung gekommen, in deren Verlauf der Angeklagte auch ihr neues Handy unbrauchbar gemacht und sie vor der Haustür mit derben Ausdrücken übel beschimpft haben soll. Der Angeklagte schilderte mit leiser Stimme und gesenktem Kopf die Ereignisse aus seiner Sicht in jeder Einzelheit. Er gab den Streit, die Sachbeschädigungen, Drohungen und Beleidigungen zu. "Die Woche davor hatte es angefangen zu kriseln." Doch im Gegensatz zur Anklage will er keinen Sex mit der Geschädigten gehabt haben. Vielmehr habe sich die Situation entspannt, beide hätten sich nach gemeinsamem Fernsehen zum Schlafen ins Ehebett gelegt. Nach dem Frühstück habe ihn seine Freundin zum Bahnhof gebracht. Die Freundin schilderte als Zeugin die Vorgänge am Donnerstag und Samstag nahezu ähnlich, doch beharrte sie auf dem Vorfall des erzwungenen Beischlafs. Diesen hatte sie allerdings erst verspätet nach dem zweiten Streitgespräch am Samstag auf Anraten einer Bekannten bei der Polizei als Vergewaltigung zur Anzeige gebracht. Wann genau die 36-Jährige erstmals von Vergewaltigung gesprochen oder geschrieben habe, nahm viel Zeit bei der Sichtung unzähliger Chats in sozialen Medien, die die Kriminalpolizei ausgewertet hatte, und bei der Befragung etlicher geladener Facebook-Bekanntschaften ein.
Im Gegensatz zum Angeklagten, der dem Verhandlungsablauf kaum zu folgen schien und alles seinem Verteidiger überließ, trat seine Ex-Freundin sehr selbstbewusst vor Gericht auf. Sie hatte sich zuvor einer psychologischen Begutachtung durch die vom Gericht bestellte Sachverständige verweigert. "Ich habe damit schlechte Erfahrung gemacht." In der Befragung vor Gericht verwickelte sie sich wiederholt in Widersprüche zu vorherigen Aussagen bei Polizei und Kripo. Statt aber diese Widersprüche aufzuklären, gab sie sich selbstsicher und ging nicht darauf ein.
Starken Einfluss auf das Urteil hatte zum Ende der Beweisaufnahme die Aussage der Psychologin, die wegen vorheriger Verweigerung der Zeugin nur während deren Aussage zu einer "logischen Begutachtung der Aussage, nicht der Person" hatte kommen müssen. Die Sachverständige stützte sich auf erwiesene Falschaussagen der Geschädigten. Auch würden die aufgedeckten Widersprüche in ihren Aussagen eine Dramatisierung der Geschehnisse durch Hinzufügen von Einzelheiten aufzeigen. "Üblicherweise zeigen Vergewaltigungsopfer bei ihren Aussagen eine Konstanz."
In seinem Plädoyer sah deshalb der Staatsanwalt keine Möglichkeit, die angezeigte Vergewaltigung als erwiesen anzuerkennen. Auch habe die Zeugin durch ihre Verweigerung einer Begutachtung "die Wahrheitsfindung erschwert".
Zudem seien die Widersprüche in ihren Aussagen, andererseits das umfassende Geständnis des Angeklagten zu allen anderen Geschehnissen zu berücksichtigen. Er forderte eine Freiheitsstrafe von sieben Monaten auf Bewährung, die Teilnahme an einem Antiaggressionskurs sowie eine Geldauflage von 2000 Euro. Der Verteidiger verwies auf den bereits erfolgten Täter-Opfer-Ausgleich und plädierte nur für eine Geldstrafe von 80 Tagessätzen zu je 50 Euro.
Das Gericht folgte eingeschränkt dem Antrag des Staatsanwalts und verurteilte den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von nur sechs Monaten mit dreijähriger Bewährungsfrist, einer Geldauflage von 2000 Euro für das Schweinfurter Frauenhaus und die Teilnahme am Antiaggressionskurs. "Die Tatsachenlage ist unbefriedigend, aber wir müssen mit dem zurechtkommen, was wir haben", hatte der Richter schon vor der Urteilsfindung erkannt. "Sie sind heute gut weggekommen", warnte er nun den Angeklagten. Schon wegen ähnlicher Anschuldigungen hatte der Angeklagte vor Jahren dreimal vor Gericht gestanden. Das jetzige Urteil habe das Gericht "im Zweifel für den Angeklagten" entscheiden müssen. "Aber uns bleiben Zweifel."