WOLFGANG SCHOBERTH

Äolus-Harfe? Wem der Begriff überhaupt etwas sagt, dann vermutlich, weil er sich an ein Gedicht Eduard Mörikes erinnert "Angelehnt an die Epheuwand dieser alten Terrasse, Du, einer luftgebornen Muse, geheimnisvolles Saitenspiel ...." Die Äolische Harfe, ein Saiteninstrument, das durch den Luftstrom zum Klingen gebracht wird, ist das Sinnbild der Poesie. König David soll in der Nacht über seinem Bett der Windharfe gelauscht haben.
Im Innenhof des Max-Rubner-Instituts (früher Bundesanstalt für Fleischforschung) können die Mitarbeiter in der Arbeitspause einem modernen Windspiel lauschen. Es ist eine raffinierte, optisch elegante Plastik kinetischer Kunst. Ihr Wohllaut geht von einer sieben Meter hohen Säule mit zwölf windfangenden Halbkugel-Paaren aus Aluminium aus, die sich im Spiel des Windes um ihre Achse drehen. "Es sind sanfte, harmonische Glockentöne", erklärt Andrea Stöcker, die Leiterin der Bibliothek. "Zum Glück kann man sie jetzt wieder hören, die Säule war lange Zeit verstummt und ist erst vor kurzem wieder in Gang gesetzt worden."
Die "Äolussäule" ist zwei Jahre nach der Einweihung des Neubaus der Bundesforschungsanstalt (1977) nach einer Ausschreibung für den Innenhof von dem Erlanger Grafikdesigner und Bildhauer Helmut Lederer (1919-1999) geschaffen worden. Er ist einer der bedeutendsten bayerischen Skulpturenkünstler in den Nachkriegsjahrzehnten. Vor allem die Kunst und Kultur der werdenden Großstadt Erlangen hat er stark geprägt. Heute ist eine Straße nach ihm benannt.
In seinen Plastiken wird Lederer vom US-Amerikaner Alexander Calders angeregt, einem Wegbereiter der Kinetischen Kunst. Dessen berühmte Drahtkonstruktionen ("Mobiles") lernt er auf der Biennale in Venedig kennen - und ist fasziniert. Er geht daran, Vorgänge der Natur, einfache Bewegungen der sich ständig verändernden Dinge auf abstrakte Art in eine Plastik zu übersetzten. Sein großes Ziel ist, Poesie, Schönheit, Klang und Kinetik eins werden zu lassen. In Kulmbach steht ein vorzügliches Beispiel hierfür.