"Das kalte Herz" ist ein Märchen von Wilhelm Hauff. Es erschien 1827 in Hauffs Märchenalmanach für das Jahr 1828. Es ist die Lebensgeschichte eines verführten, schließlich aber doch auf den Weg der Tugend zurückgekehrten Köhlers. Eine recht spukhafte Geschichte ist es. Wahrscheinlich aber gerade deswegen in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von der damaligen Jugend des Frankenwaldes besonders gern gelesen.

Der gutmütige "Schatzhauser" und der hinterhältige "Holländer Michl", denen der wankelmütige Köhler auf Gedeih und Verderb verfallen war, erinnerten allemal an ähnliche Sagengestalten. An den Berggeist Rübezahl etwa oder an die Heinzelmännchen, die ja nicht nur in Köln zu Hause waren. Als Zwerglein, Kobolde, Heinzelmännchen und wie sie sonst noch genannt wurden, wuselten und werkelten sie auch in unserem Frankenwald allerorts herum. Und auch von furchterregenden Waldriesen wussten unsere Altvorderen manches Stücklein zu erzählen. Vom "Wilden Mann" am Kreuzstein östlich von Geuser oder vom grobschlächtigen "Hämann", wie man diesen Berggeist auf der Radspitze zu nennen pflegte.

In den Wäldern oberhalb der Markgräflichen Höhe, einem 636 Meter hohen, mächtigen Bergrücken, der mit der südwestlich vorgelagerten Radspitze (678 m) und dem östlich gelegenen Geuserberg (708 m) ein großes, bewaldetes Bergmassiv bildet und als Teil der Fränkischen Linie nach Südwesten steil abfällt, trieb er sein gespenstiges Unwesen. Wer ihn nahen hörte, tat gut daran, sich flach auf den Boden zu werfen oder noch besser, sich in die Geleise einer Wagenspur zu verkriechen. So hatte der fürchterliche Kerl nämlich keine Macht mehr über die ahnungslos überfallene und fast zu Tode erschrockene Kreatur. Wem er einmal begegnet war, dem saß das kalte Grauen ein Leben lang in den Knochen.

Baumlang und klapperdürr war seine Gestalt. Struppig sein ellenlanger Bart, bleich und furchterregend sein Gesicht. Hin und wieder stand er still und blickte grimmig um sich her. Wehe dem arglosen Moosweiblein, dem er plötzlich drohend in die Augen glotzte! Öfters raste er durch die Wälder und über die freien Waldblößen hinweg. Immer in einer anderen Richtung, immer geradeaus. Meist begleitete ihn eine Meute hetzender Rüden.

Das abenteuerliche Erlebnis mit der "Wilden Jagd" wird in einer alten Erzählung so geschil-dert: "Ein Brausen in der Ferne schreckt mich aus meinen Gedanken. Es wird stärker und lau-ter und näher kommt es heran in den Lüften über den dunklen Wipfeln des Waldes, ihr leises Rauschen übertönend. (...) Das Blut stockt in den Adern; der Schauer des Unfassbaren packt mich und jagt mir Eiseskälte in das Blut. Ein Rauschen und Brausen, Hundegekläff, Hörnerschall, Johlen und Schreien, Pfeifen und Singen, Klagen und Lachen, Peitschengeknall und Hohoho-Rufe tönen heraus aus dem großen dunklen Schatten, der mit Sturmeseile über mir am Himmel vorüberjagt. Kein Zweifel, es ist der Wilde Jäger, das wütende Heer, von dem mir Großmutter einst in fernen Kindheitstagen erzählte."

Eine schwarze Wolkenmauer

Gänsehaut und Alpträume verursachen sie noch heute, diese schauerlichen Geschichten aus vergangener Zeit. Doch was sich hinter diesem "Wilden Heer" in Wirklichkeit verbarg, wusste der damalige Förster zu berichten und hat es vor genau 151 Jahren in den Annalen niedergeschrieben: "Anno Domini 1868 war's, am 7. Dezember. Nach dem Mittagessen ist's schwül gewesen, trocken, zum Verschmachten. Da hat's gegen Abend am Himmel eine Wand aufgesetzt gegen Kulmbach zu, eine Wolkenmauer, schwarz zum Erschrecken. Und gewetterleuchtet hat's. Wie ich heimkomm', so um zehn Uhr in der Nacht - meine Frau hat sich schon ordentlich gefürchtet - da ist eine blutige Röte am Himmel. Mit der Laterne sind wir hinausgegangen, meine Frau und ich. Da ist's gekommen. Fast umgeworfen hat's uns. Wir gehen wieder in die Stube. Da gibt's einen Stoß an die Fenster und wieder einen und noch einen, als ob man das ganze Forsthaus umwerfen wollt'. Ein Krachen ist gekommen da oben von den Bergen, als ob alle bösen Geister los wären; ein Krachen, dass es einen durch Mark und Bein gefahren ist. Und es kam ein gewaltiger Wirbelsturm! Den halben Frankenwald hat's umgeworfen, schrie ich zu meiner Frau. Dann fing's an zu blitzen und zu wetterleuchten. Gedonnert hat's nicht, nur ein dumpfes Murren und absonderliches Brausen und Rumoren hörte man. Und so ging's bis gegen Morgen. Eine gespenstische Höllennacht ist's gewesen!"

Und voller Entsetzen schreibt er weiter: "Wie ich dann früh hinaufging in den Wald, oh mein Gott, ich hätt' weinen mögen, ich hab's nur hinausgeschrien! Da lagen die schönsten Waldbe-stände geknickt am Boden, stundenweit ein breites Loch, mittendurch ein Arm gegen Steinwiesen, einer gegen Nurn. Wie wenn Pferde durch ein Kornfeld stampfen, so hat's ausgesehen".

Wundern wir uns, wenn unsere Vorfahren geisterhaften Mächten solche Naturgewalten zuschrieben! In der heutigen Zeit werden Naturkatastrophen immer mehr und immer öfter mit dem Klimawandel in Verbindung gebracht: Der Orkan Wiebke tobte in der Nacht vom 28. Februar auf den 1. März 1990 über Deutschland hinweg. Er schloss eine Reihe von acht Stürmen ab, die im September 1990 über West- und Mitteleuropa wüteten (Daria, Herta, Judith, Nana, Ottilie, Polly, Vivian und Wiebke).

So geschehen auch in der Nacht vom 18. auf den 19. Januar 2007: Der Orkan "Kyrill" rast mit Geschwindigkeiten bis teilweise 240 Stundenkilometer über die Höhen des Frankenwaldes hinweg und hinterlässt Verwüstung. Der stolze Hochwald auf der ehemaligen Ansiedlung Kirchbühl (1323 - 1880), zwischen Radspitze und Markgrafenhöhe, wird dem Erdboden gleichgemacht. Es grenzt an ein Wunder, dass die Kirchbühlkapelle verschont blieb, als die Baumstämme ringsum niederkrachen und selbst noch im Fallen die Richtung ändern. Es schien, als wären in dieser Schreckensnacht die Seelen der Ahnen in ihre alte Heimat, jenen gottgefälligen Ort zwischen Himmel und Erde zurückgekehrt, um die kleine Waldkapelle vor dem Untergang zu retten.