Neigte man zum Ulk, könnte man noch anmerken, dass hier ein Mann wusste, wie man zu Sonderapplaus kommt. Die Rede ist vom Cellisten Ulrich Witteler, der sich nach dem Applaus für sich, für die Pianistin Hisako Kawamura und den Violinisten Korbinian Altenberger mit einer Ansage ans Publikum im Kaisersaal wandte: "Der Cellist hat seine Noten vergessen, vielleicht kann der Achim ein bisschen weitererzählen."

Der Achim, das war Achim Melzer, Conferencier des Geschehens und selbst auch Mitglied der Bamberger Symphoniker, musste da schon selbst lachen. Wenige Augenblicke später erschien Witteler, und es brandete abermals Beifall auf, nun für ihn ganz alleine. Es sollte an diesem Sonntagmittag noch viel mehr applaudiert werden, denn das sechste Konzert der Reihe "Kammerkonzerte auf Kloster Banz" hatte es in sich.

Das Quälende ausgedrückt

Von hohen Tönen und tiefen Seelenschauen. Aber vorgezogen vor Schubert wurde diesmal kurzfristig auf Wunsch des Trios und entgegen der Programmabfolge Schostakowitsch. Wollte man das nahezu ausverkaufte Haus mit vergleichsweise fröhlicheren Klängen in den Sonntag entlassen? Immerhin sagte auch Achim Melzer dem Trio e-Moll für Violine, Violoncello und Klavier, Opus 67 nach, dass es ein Andenken Dimitri Schostakowitschs an seinen Freund Iwan Sollertinski darstellt. Dieser, ein Musikwissenschaftler und Befürworter Gustav Mahlers, verstarb 1944 nur 41-jährig. "Wir werden ihn nie wiedersehen. Es fehlen die Worte, um den großen Schmerz auszudrücken, der mein ganzes Wesen quält", ist hierzu von Schostakowitsch überliefert. Ihm blieb die Musik, das Quälende auszudrücken, und der zu dem Thema eines Trauermarschs gestaltete Auftakt gehörte Wittelers Cello, das in einer Tonlage begann, welche eigentlich einer Violine vorbehalten ist. Ein gewollt wackeliger Ton, dem sich nach Altenberger auch bald Kawamuras düstere Moll-Akkorde beigesellten. Aus diesen Bestandteilen formte das Trio im ersten Satz Andante - Moderato eine gewaltige Seelenschau. Dieser Satz hatte viel zu bieten, darunter auch eine Kehrtwende zu mehr Gefälligkeit, die abermals eine Kehrtwende erfuhr und vom Trio lautmalerisch lange in der Schwebe gehalten wurde.

Grandiose Kakophonie

Das Publikum wurde Ohrenzeuge einer grandiosen Kakophonie aus schmerzhaften Einsprengseln und melodiösen Andeutungen. Witteler, Altenberger und Kawamura funktionierten als grandiose Einheit, in der Lage, ein Publikum auf mitreißende Weise dorthin mitzunehmen, wo es unangenehm und dunkel ist.

Im Allegro con brio stand es in Fis-Dur vor einer anders gelagerten Herausforderung, die glatt Bezüge zur Populärmusik aufweisen mochte. Da gab es diese wiederholt zu bildenden klagenden Klangeffekte, die man im Heute als Samples in Lieder einpflegen würde. Streicherachtel, Dramatik, Expressivität, Bedienung der Sonatenform, Provokationen, kanonische Durchgänge - all das wurde von den Künstlern überreich gemeistert und es brauchte eine Weile, bis man sich darum später auf die vergleichsweise "leichte Kost" von Franz Schuberts Trio B-Dur für Klavier, Violine und Violoncello, Opus 99 einlassen konnte. Aber auch hier brauchte es nicht lange, bis das Klaviertrio die dazu nötige atmosphärische Dichte schuf.