Erich und Marcus Olbrich An einem der für uns schönsten Feste, dem der Geburt von Jesus Christus an Weihnachten, wollen wir kein Gebäudedetail entdecken, sondern einen seit langem vergessenen Weihnachtsbrauch.

Dass dieser nicht vollends aus dem Gedächtnis verschwunden ist, haben wir der Heimatforscherin Elise Gleichmann zu verdanken.

Sie hat einen alten Kulmbacher Brauch, der an Heiligabend am Turm der Petrikirche stattfand, aufgezeichnet.

Christkind eingewogen

Es geht dabei um das Einwiegen des Christkindes. Dies geschah am Abend gegen 19 Uhr. Sämtliche Glocken der Petrikirche durften ihr Geläut erklingen lassen.

Vom Kranz des Turmes wurde das Weihnachtslied "Vom Himmel hoch, da komm ich her" geblasen. Die zahlreichen Zuschauer stimmten mit Gesang ein. Viele hatten bunte Laternen oder Lampions dabei.

Langes Seil an Schalllöchern

Aus den Schalllöchern des Turms wurde eine an einem langen Seil befestigte goldene Laterne hin und her geschwungen ("gehetscht").

Aus der Entfernung sah es so aus als ob ein großer, leuchtend goldener Gegenstand unaufhörlich hin und her bewegt würde.

Dies war natürlich für alle das Christkind, welches in einer goldenen Wiege lag und "eingehetscht" wurde.

Die Kinder sahen atemlos zur Höhe empor, ob durch diese Schwingungen das liebe Christkind nicht aus seiner Wiege geschleudert würde, oder ob von dessen goldenem Kleidchen sich nicht möglicherweise ein Stückchen losreißen und herabfallen würde.

Wenn man dann ganz aufgeregt heimkam, hatte das Christkind schon "beschert". Die Straße unter der Kirche war stets dicht bevölkert, außerdem öffneten sich alle in Betracht kommenden Fenster, um das feierliche Schauspiel zu genießen.

Wegen Feuergefahr verboten

Einmal passierte es, dass durch die Schwungkraft das Seil riss, die Laterne über das Gaßnersche Haus flog und auf dem dahinterstehenden Stadel landete.

Wegen einer möglichen künftigen Feuersgefahr wurde die traute alte Sitte des symbolischen "Einhetschens" des Christkindchens von der Behörde verboten.

"Gaßnersche Haus"

Von alten Leuten konnte man noch lange hören: "Schee wors doch, wenns Chrißkinnla eighetscht worn is, zu schee wors!"

Das Gaßnersche Haus stand neben der Oberen Schule, der Stadel dahinter dort, wo sich heute die Bushaltestelle vor den Schulen befindet.

Das fränkische Wort "Hetschen" stammt aus lang zurückliegender Zeit.

Tuch statt Wiege

In einfachen Häusern konnten sich nur wenige eine vom Schreiner gezimmerte Wiege leisten.

Günstiger war es, in den Stuben ein Tuch von Wand zu Wand zu befestigen.

Dieses hing so tief, dass man das Kind leicht erreichen konnte. Auch ein möglicher Sturz hatte wegen der geringen Höhe nicht allzu schlimme Folgen.

Der Vorteil des Hetschentuches bestand darin, dass die Hausfrau es beim Kochen oder bei der Arbeit am Webstuhl mit einer Schnur verbinden konnte, und so ihren Kleinen durch hin und her schwingen zum Einschlafen brachte.

Hin und her bewegen

"Hetschen" bedeutet also hin und her bewegen, sei es in einem Tuch oder auf dem "Hetscha Gaul" - ein Schaukelpferd.

Auch das Kippeln auf zwei Stuhlbeinen wird im Fränkischen liebevoll ermahnend mit den Worten kommentiert: "Jetzt hetsch halt ned dauernd midn Stuuhl rum".