40 Unternehmen des IHK-Bezirks Coburg pflegen derzeit umfangreichere geschäftliche Aktivitäten mit dem Vereinigten Königreich, neun davon sind mit eigenen Niederlassungen beziehungsweise Fertigungsstätten vor Ort. Dabei handelt es sich vor allem um die Branchen Automotive, Maschinenbau, Elektrotechnik, Kunststoffverarbeitung und Konsumgüter. Vom Brexit tangiert sind aber auch solche Coburger Unternehmen, die keine direkten Wirtschaftsbeziehungen mit der Insel haben, sondern über inländische Exporteure Umsätze nach Großbritannien generieren. "Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union am 31. Januar 2020 ist eine Zäsur in den über Jahrzehnte etablierten Wirtschaftsbeziehungen, obgleich sich für unsere Unternehmen zunächst kaum etwas ändert", lautet der Kommentar IHK-Präsident Friedrich Herdan zu diesem Thema in einer Pressemitteilung.

Denn mit dem Austritt gelte zunächst eine elfmonatige Übergangsfrist. In dieser Zeit hätten Politik und Wirtschaft Zeit, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen und die zukünftige Zusammenarbeit neu zu organisieren. Herdan: "Präventiv haben sich unsere Unternehmen bereits im Vorfeld auf Handelshemmnisse vorbereitet, wie Zollformalitäten, -kosten und - risiken, Steuern, Ausfuhrbescheinigungen und rechtliche Unsicherheiten. Mit einschlägigen Informationsveranstaltungen, Beratungsgesprächen und umfangreichem Infomaterial hat die IHK zu Coburg in den letzten drei Jahren die Bemühungen der Mitgliedsunternehmen flankiert."

Während der Übergangsphase sind die Regelungen des EU-Binnenmarkts in Großbritannien weiterhin gültig, ebenso bleibt der britische Zugang zum EU-Binnenmarkt bestehen. Für die Zukunft sei eine möglichst enge Anbindung Großbritanniens an die EU - ohne Zölle oder andere Handelshemmnisse - unerlässlich, betont IHK-Präsident Herdan. Wichtig sei, die Briten mit einer tragfähigen Lösung pragmatisch und geordnet an einem europäischen Verbund zu beteiligen. Doch die Erfahrung zeige auch, wie komplex ein solches Abkommen ist und wie lange es dauert, bis alle involvierten Länder und Staatengemeinschaften diesem dann auch zustimmen. Daher wäre eine verlängerte Übergangsfrist von Vorteil, ist der IHK-Präsident überzeugt.

Einen Ausweg aus diesem Szenario bietet die Möglichkeit, vor dem 1. Juli 2020 (wie im Art. 132 des Austrittsabkommen vorgesehen) die Übergangsphase bis Ende 2022 zu verlängern, um mehr Zeit für die Verhandlungen einzuräumen. Nach Aussage des britischen Premiers Boris Johnson ist dies aber höchst umstritten, ein harter Brexit ist also noch immer nicht ganz vom Tisch.

War Großbritannien im Jahr 2015 noch Bayerns zweitwichtigster Exportmarkt, liegt das Land im aktuellen Ranking nur noch auf Platz fünf. Von Januar bis November 2019 sanken die bayerischen Ausfuhren nach Großbritannien im Vergleich zum gleichen Vorjahreszeitraum noch einmal um 2,4 Prozent, auf 11,6 Milliarden Euro.

1,4 Milliarden Euro Verlust

Laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sind in Bayern rund 80 000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Exportgeschäft mit Großbritannien abhängig. Eine Studie des ifo Instituts München hat ergeben, dass ein harter Brexit Bayern jährlich 0,24 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum kosten könnte, ein Verlust von 1,4 Milliarden Euro Wirtschaftsleistung.

Die IHK zu Coburg empfiehlt betroffenen Unternehmen, die auf jeden Fall bis Ende 2020 andauernde Brexit-Übergangsphase für weitere Vorkehrungen zu nutzen, und stellt dazu umfangreiches Online-Informationsmaterial sowie Beratungsangebote zur Verfügung. Die IHK weist besonders darauf hin, dass je nach Ausgang der Brexit-Verhandlungen zollrechtliche Vorschriften für den Warenverkehr zum Zuge kommen können, mit denen viele bislang nur im EU-Binnenmarkt tätige Unternehmen keinerlei Erfahrungen haben. red