Wenn Frauen, so der Apostel Paulus, Söhne Gottes seien, weshalb dürfen sie in der katholischen Kirche nicht geweiht werden? Dieser spannenden Frage ging Professor Joachim Kügler vom Lehrstuhl für Neutestamentliche Wissenschaften an der Universität Bamberg nach. Auf Einladung der Initiative "Maria 2.0" referierte und diskutierte er im Pfarrsaal St. Hedwig mit den zahlreichen Besuchern zur Ämterfrage in der katholischen Kirche und damit zur Gleichberechtigung von Mann und Frau.

Dabei sei der Apostel Paulus nicht als Frauenfeind zu verstehen. "Man muss die Aussage von Paulus im zeitlichen Kontext sehen", erklärte der Theologe. In der Antike seien Frauen keine Rechtspersonen gewesen, hätten immer unter der Obhut eines männlichen Vormunds gestanden. "Die Frauen bewusst als ‚Söhne Gottes' zu bezeichnen war daher nicht frauenfeindlich, sondern vielmehr revolutionär gewesen." Denn: "Die Frauen auch zu Söhnen zu machen, war seine einzige Chance, Gleichberechtigung auszudrücken."

"Sehr wackelige Interpretation"

Auch das Priestertum an sich sei auf keine Bibelstelle begründet. "Dass nur Männer zum Priester geweiht werden dürfen, begründet die katholische Kirche oft damit, dass zum letzten Abendmahl die zwölf Apostel, also nur Männer, anwesend waren." Dies sei aber eine sehr wackelige Interpretation, denn würde man sich daran halten, dürften streng genommen auch nur Männer oder nur zwölf Personen am Abendmahl teilnehmen.

"In den ersten 100 Jahren brauchte keiner einen Priester", sagte er. Im zweiten Jahrhundert habe die Uminterpretation des Ritus der Kirche begonnen. Frauen seien unrein, das war Konsens und machte auch vor Reformatoren wie Martin Luther nicht halt. "Auch heute noch nehmen die Frauen weltweit gesehen in der Gesellschaft eine untergeordnete Rolle ein."

Die katholische Kirche sei eine patriarchalische Gesellschaft, und der Ausschluss von Frauen stehe auf einem schwachen Fundament, erklärte Kügler. Und sich rein auf einen Chromosomensatz zu berufen, sei sehr heikel, denn "es gibt muntere Abweichungen in der Natur". Knackpunkt in der katholischen Kirche sei die Behauptung, dass die Frau weiheunfähig sei. "Das ist massive Frauenfeindlichkeit und unterstellt, dass die Frau kein vollwertiger Mensch ist."

Über Jahre habe man sich bemüht, diese Tradition in ein Dogma zu verwandeln, doch gehört das zum Wesen der Kirche? "Ein Fehler, den die Kirche lange macht, wird allein deswegen nicht zur Tradition", sagte der Bamberger Professor. Es sei eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass Frauen keine Priester sein können, während das Priesteramt langsam aussterbe. "Wir werden uns mit dem Gedanken vertraut machen müssen, dass das Priesteramt in der Gemeinde keine Rolle mehr spielen wird."

Lesetest für Einäugige

Den meisten Katholiken sei die Eucharistie ohnehin egal, wer gehe denn sonntags noch in die Kirche? Er sehe die Bischöfe, die das Ruder geradeaus hielten, egal wie deutlich sie den Felsen vor sich sehen. "Dabei kann man den Bischöfen gar keine großen Vorwürfe machen", sagte er. Jahrelang habe man Einäugige ausgesucht, und jetzt würde man einen Lesetest verlangen. "Vielleicht muss alles zugrunde gehen und wir müssen wieder von vorn beginnen", sagte er.

"Die Geschlechtergerechtigkeit ist ein Uranliegen unseres Glaubens", betonte der Redner. Er forderte dazu auf, nicht aufzugeben und weiter unbequem zu sein. Häresie könne keine Grundlage der Kirchenpolitik sein. "Die Kirche hat immer ein halbiertes Frauenbild", sagte er. "In der Regel sind es nicht die normalen Frauen, die den Respekt erfahren haben." Maria beispielsweise sei zugleich auch Jungfrau. Man müsse sich gegen kirchliches Establishment durchsetzen.

Diese Meinung vertrat auch Pfarrer Hans Roppelt, der sich erschrocken darüber zeigte, mit welcher Vehemenz die Gläubigen in dieser Sache gegeneinander auftreten würden. "Ich liebe meine katholische Kirche, auch wenn ich nicht mit allem einverstanden bin", betonte er.