von unserem Redaktionsmitglied Jochen nützel

Kulmbach/Ködnitz — Die Krux steckt schon im Wort: Zwangsmitgliedschaft. Wer Eigentümer eines Grundstücks ist, beispielsweise einer Wiesen- oder Waldfläche unter 75 Hektar, ist laut Bundesjagdgesetz automatisch Mitglied in der Jagdbehörde. Das heißt: Sollte er das Jagdrecht nicht selber wahrnehmen, muss er es dulden, dass auf seinem Grund und Boden gejagt wird.
Was aber, wenn jemand es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren kann, wenn auf seinem Terrain Tiere geschossen werden? Diesen Fall gab es - und er führte zu einem mehrjährigen Rechtsstreit, bis schließlich der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dem Antragsteller stattgab und dabei sogar ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts kassierte.
Der Kläger, ein Mann aus Baden-Württemberg, hatte sich bereits 2006 an die oberste deutsche Rechtsinstanz gewandt - und verloren. Begründung der Kammer: Das Jagdgesetz ziele ab "auf die Erhaltung eines ... angepassten artenreichen und gesunden Wildtierbestandes".

Unverhältnismäßige Belastung

Der Gerichtshof in Straßburg hingegen gewichtete nun das Recht am Eigentum höher. Wer die Jagd ablehne, sie aber auf seinem Grundstück dulden müsse, dem werde eine unverhältnismäßige Belastung auferlegt.
Heinrich Rauh, im Landratsamt Kulmbach zuständig für öffentliche Sicherheit und Ordnung, bestätigt gegenüber der BR: "Ja, es hat auch im Landkreis bereits einen Fall gegeben, wonach ein Grundstückseigentümer sich auf diese neue Rechtsauslegung bezogen hat. Allerdings hat die betreffende Person den Antrag von sich aus mittlerweile wieder zurückgezogen."
Die kommunalen Verwaltungen müssten den novellierten Paragraf 6a im Bundesjagdgesetz seit Dezember 2013 umsetzen. Dieser sieht eine Befriedung von Flächen aus ethischen Gründen vor. Allerdings hat der Gesetzgeber einige Vorschriften eingebaut, wie Rauh erläutert: "Wer sich darauf beruft, dass auf seinem Grundstück Wild nicht bejagt werden soll, der muss dies ausführlich und schriftlich darlegen und seine Gründe umfassend benennen."
Allerdings sind bereits geltende Vorgaben und Fristen einzuhalten. Das heißt: Wenn ein Jagdpachtvertrag auf der vorherigen Rechtsgrundlage abgeschlossen wurde, also ohne Befriedungsmöglichkeit, so kann die Ausnahmegenehmigung erst erfolgen, wenn dieser Jagdpachtvertrag ausläuft. "Bisweilen ist es ja so, dass die Chemie zwischen Grundstücksbesitzer und Jagdpächter nicht stimmt. Wenn aber jemand mehrere Flächen besitzt und mit dem einen Jagdpächter gut steht und mit dem anderen nicht, dann kann er diese ethischen Gründe nicht mal so und mal so ins Feld führen. Die Ablehnung der Jagd umfasst alle Flächen, nach persönlichem Gusto darf der Eigentümer nicht unterscheiden."
Und noch eine Folge hat die neue Regelung, wie Heinrich Rauh erläutert: "Sollten Wildschäden wie Verbiss durch Rehe oder Wühlschäden durch Wildschweine an anderen Grundstücken entstehen, die zum gemeinschaftlichen Jagdbezirk gehören, kann der Grundeigentümer der befriedeten Fläche anteilig für diese Schäden haftbar gemacht werden."
So viel zur juristischen Einstufung des Konflikts. Wie aber sieht es mit der Auswirkung für die Jäger aus? "Wenn sich das in der Fläche ausbreitet, dann wird die Arbeit für uns erheblich komplizierter", sagt Kreisjagdberater Clemens Ulbrich (Ködnitz). Er fragt sich, ob er und seine Kollegen bald mit einer Karte auf die Pirsch müssten, in der exakt eingezeichnet ist, wer ihr Tun zulässt und wer nicht. "Das ist unpraktikabel. Abgesehen davon: Wie handhabe ich es, wenn mein Hund überjagt, also zwischen für uns freien und gesperrten Revieren hin- und herläuft? Hunde kennen nun mal keine von Menschen erdachten Trennlinien."

Wild riecht den Braten

Das Wild werde aber den Braten riechen und sich in den Schutzzonen sammeln. "Die Tiere erkennen schnell, wo sie in Ruhe gelassen werden." Eine nötige Bestandskontrolle sei unter diesen Umständen kaum möglich. Ulbrich sagt, er glaube nicht, dass sich allzu viele Grundstückseigentümer eine solche Ausnahmegenehmigung erteilen ließen: "Immerhin hat der Gesetzgeber sehr hohe Hürden für diese ethische Entscheidung eingebaut."