Der 64-Jährige mit kleiner Rente wohnt von Mitte August 2014 bis Anfang Mai 2015 in einer 60-Quadratmeter-Wohnung in der Seestraße. Monatlicher Stromabschlag: 54 Euro. Anfang 2015 trifft ihn fast der Schlag: Die Stadtwerke Schweinfurt verlangen von ihm eine Nachzahlung von über 700 Euro - für dreieinhalb Monate. Er meint, dass die Messung falsch sein müsse, oder dass sich noch ein anderer an seinem Strom bedient. Die Stadtwerke habe das nicht interessiert, sagt er jetzt als Zeuge vor dem Amtsgericht. Als er ab April 2015 einen anderen Stromversorger hat, sind für die drei Monate in 2015 weitere 900 Euro Nachzahlung fällig. Da beschwert er sich beim Vermieter, und als der zusammen mit einem Elektriker die Wohnung des 47-Jährigen Mieters darüber kontrolliert, trifft den Elektriker fast der Schlag, aber kein elektrischer.


Abenteuerliche Konstruktion

Der Fachmann findet in der Abstellkammer eine ebenso abenteuerliche wie hochgefährliche Konstruktion vor: Die Gipsplatte der Wand ist aufgeschlagen, so dass der im Flur gesetzte Stromkasten von hier aus zugänglich ist. Die Stromleitungen für die Wohnung des Mieters darunter sind an einer Stelle bis aufs Kupferkabel abisoliert, von dort gehen die rangezwirbelten Kabel eines Mehrfachsteckers ab, von dem wiederum Weiterverteilungen in die Wohnung führen. Warum das so ist, wird schnell klar: "Die Stadtwerke hatten die Wohnung des 47-Jährigen spannungsfrei geschaltet", so der Elektriker, also den Strom abgestellt. Erst als der Strom des 64-jährigen Mieters darunter abgestellt wird, geht bei dem 47-Jährigen der Fernseher aus.
Wegen "Entziehung elektrischer Energie" ist der 47-jährige Mieter und ein 53-jähriger Kumpel angeklagt, der Anfang 2015 zwei Monate bei ihm gewohnt hatte. Beide beteuern: "Ich war das nicht." Sie hätten die Stromabzapfungsanlage nicht gelegt, das wäre gefährlich, und da kämen auch andere infrage: Der Hausmeister, der Vormieter. Ihre Anwälte beantragen jeweils Freispruch. Der Staatsanwalt sieht ihre Schuld als erwiesen, wie auch die Richterin. Sie verurteilt den massiv vorbestraften Mieter, der zur Tatzeit unter zweifacher Bewährung stand, unter Einbeziehung eins weiteren Urteils zu sechs Monaten Haft - ohne Bewährung. Der 53-Jährige kassiert eine Bewährungsstrafe von drei Monaten auf Bewährung, und er muss 700 Euro an den Weißen Ring zahlen. "Dass die beiden von der Stromabzapfkonstruktion nichts gewusst hätten, nimmt ihnen die Richterin nicht ab. "Wenn da was schief gegangen wäre - nicht auszudenken." fan