Alexander Grahl Als Karwoche oder stille Woche wird die letzte Woche der Fasten- und Passionszeit bezeichnet. Der Name Karwoche kommt vom althochdeutschen "kara", was so viel bedeutet wie Trauer. Sie beginnt am Palmsonntag und endet mit der Feier der Osternacht. Die wichtigste Woche des Kirchenjahres erzählt von Brauchtum und Tradition, von Alter und Schönheit.

So ist es im Frankenwald Sitte, dass der Bauer am Palmsonntag in der Kirche Palmzweige weihen lässt, um sie zur einen Hälfte in der Stallecke und zur anderen im Herrgottswinkel der Wohnstube zu verwahren. Nach altem Volksglauben schützen sie Haus und Hof vor Blitz und Unheil, vor Hexen und bösen Geistern. Seuchen und Krankheiten vermögen nunmehr weder in den Stall noch in die Stube einzudringen.

Palmsonntag:

Der alte Pflastes-Paula aus Zeyern, Gott hab' ihn selig, hat seine Palmzweige erst am Palmsonntag vor Sonnenaufgang geschnitten. Und wenn ihn jemand fragte, warum er das tue, sagte er: "Die Alten", womit er die Altvordern meinte, "haben es auch so gemacht." Er war fest davon überzeugt, dass seinen Zweigen eine größere Kraft innewohnte als denen seiner Nachbarn, die sie sich bereits am Tag vorher besorgt hatten. Er unterließ es auch nicht, am Gründonnerstag drei Palmkätzchen zu verschlucken und gab dann auch seiner Frau Anna drei und meinte dazu: "Dass wir auch in diesem Jahr wieder vor Krankheit verschont bleiben."

Gründonnerstag:

Diejenigen Eier, die die Hühner am Gründonnerstag legen, gehören einzig und allein dem Herrn des Hauses. Die Frauen aber teilen unter sich jene, die am Karfreitag in den Nestern liegen. In der Gegend von Schneckenlohe verspeist der Hausvater am Gründonnerstag ein frisch gelegtes Ei, damit er stark heben kann und in diesem Jahr keinen Bruch bekommt. Die Frauen sind bemüht, auf den Mittagstisch etwas Grünes zu bringen, entweder Spinat oder Rapunzel. Am Abend des Gründonnerstag verstummen beim Gottesdienst nach dem Gloria Orgel und Kirchenglocken. In dieser Zeit rufen die "Raschbler" mit ihren "Karfreitagsraatschn" zum Kreuzweg in die Kirche und zum "Engel des Herrn".

Karfreitag:

Wenn Arzt und Apotheker einen Ausschlag nicht rasch genug zu heilen vermögen, wenn die Büßerin die Warzen an der Hand nicht wegbüßen kann, kurz - wer mit seiner Schönheit nicht zufrieden ist, der setzt seine Hoffnung auf das Karfreitagswasser aus dem "Heiligenbrünnla" bei Zeyern. "Man muss sich aber schon vor Sonnenaufgang dorthin bemühen und darf sich unterwegs von niemandem ansprechen lassen", hat damals die alte Veitles-Kuni erzählt. Lautlos wird das Wasser aus dem Brünnla geschöpft, davon getrunken und sich dann schweigend gewaschen. In erster Linie sind es Mädchen, die zum Jungbrunnen pilgern. Hier sei erwähnt, dass die Sitte des Karfreitagswasserschöpfens uralt ist und an den Urdsbrunnen in den germanischen Göttersagen erinnert, wo die drei Schicksalsnornen wohnen: die Alte (Norne der Vergangenheit), die Mütterliche (Norne der Gegenwart), die Jungfräuliche (Norne der Zukunft). Das Schicksal jedes einzelnen Menschen liegt in der Hand dieser drei Nornen. Im Frankenwald gelten daher noch heute viele Brunnen als verehrungswürdig und werden zum Osterfest mit Kränzen, Blumen und Girlanden aus bunten Ostereiern geschmückt.

Im Dorfwirtshaus geht es am Todestag des Herrn stiller zu als an anderen Feiertagen. Mit ernsten Mienen sitzen die Männer hinter ihren Krügen. Selbst das Kartenspiel wird heute unterlassen, dem man sich sonst mit aller Leidenschaft, mit Flüchen und Verwünschungen, mit Spott und Hohn, Zank und Streit hingibt. Sollte es aber dennoch jemand wagen, Gäste zu einem Tarock oder Schafkopf überreden zu wollen, dann gibt ihm der Wirt unzweideutig zu verstehen, dass heute die Karte das Evangeliumbuch des Teufels sei. Wer die Blätter in die Hand nehme, wäre unzweifelhaft in seiner Gewalt und der Teufel würde ihm vielleicht auf der Stelle den Garaus machen.

Karsamstag:

In den Dörfern zwischen Leitsch, Grümpel und Kremnitz wird am Karsamstag, wenn beim Amt erstmals die Glocken wieder läuten, im Friedhof der Judas verbrannt. Ein Strohmann wird auf einen Scheiterhaufen gezerrt, zu dem alle Buben des Dorfes das Holz zusammengetragen haben. Die verkohlten Holzreste werden heimgebracht. Am Walpurgistag steckt sie der Bauer in die Ecken des Weizenfeldes, damit das Getreide nicht brandig wird.

Ostersonntag:

Diejenigen Dorfschönheiten, die am Karfreitag das Wasserschöpfen versäumt haben oder bei denen etwas schiefgelaufen ist, machen am Ostersonntag in aller Herrgottsfrüh noch einmal mit dem gleichen Prozedere den Gang zum Osterbrunnen. Wer auf Schönheit und Anmut besonders bedacht ist, der bestreicht zuvor sein Gesicht mit dem preiswertesten und besten Schönheitsmittel aller Zeiten: dem Ostertau.

Der Thomabauer aus dem oberen Haßlachtal hatte 95 Lenze auf dem Buckel, als er das Zeitliche segnete. Er war in seinem Leben nie ernsthaft krank gewesen und war auch von jeglichem Unheil verschont geblieben. Ja, der Thomabauer, Gott hab' ihn selig, gehörte zu den wenigen Glücklichen, wie man von den Altvorderen her weiß, die wirklich und wahrhaftig die drei Sprünge, die die Sonne am Ostersonntagmorgen bei der Begegnung von Mond und Venus (Morgen- und Abendstern) macht, gesehen haben. Sie sind nach altem Volksglauben untrüglicher Garant für Gesundheit, Glück und ein erfülltes Leben.

Leider geraten Brauchtum und Volksglauben als unverzichtbarer Bestandteil eines sinnvollen Miteinanders in vielen Dörfern des Frankenwaldes immer mehr in Vergessenheit, werden gar als "ausgemachter Humbug" mitleidig belächelt und vom Fluch oder Segen der Neuzeit niedergewalzt. Wollen wir wenigstens die letzten Reste alter Traditionen noch festhalten und wenn möglich vergrabene Schätze echten Volkstums wieder an das Tageslicht bringen! Denn: "Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen! Und ging es uns verloren, erwerben wir es neu!" Das möge unser Leitspruch sein.