Sockenwolle in 500 verschiedenen Farbtönen oder -mischungen, Auskünfte bei Bedarf in fünf verschiedenen Sprachen und die Bereitschaft, Material zu besorgen, das in den Handarbeitsgeschäften in den größeren Städten nicht zu bekommen war - das waren die Argumente, die in den vergangenen 33 Jahren Stammkunden aus Laufamholz bis Lichtenfels immer wieder ins "Wolle-Nest" nach Weisendorf gezogen haben. Ab 2. Mai würden sie allerdings vor verschlossenen Türen stehen, denn Inhaberin Elisabeth Kraus schließt ihr Geschäft zum 30. April. Im März ist sie 60 Jahre alt geworden, "Zeit für einen Einschnitt", sagt sie. Sie möchte wieder mehr Zeit für andere Dinge haben, und eine Nachfolgeregelung habe sich nicht ergeben. Schwiegertochter Susi, die im Laden mitgearbeitet hat, will sich beruflich anders orientieren.

Wirtschaftliche Gründe für eine Schließung habe es nicht gegeben, erzählt Elisabeth Kraus. Zwar sei die Selbstständigkeit nie ganz einfach, aber ihr Kundenkreis sei immer konstant geblieben, und auch eine Konkurrenz durch das Internet sei nie zu spüren gewesen. Während ihre Entscheidung für den Ruhestand also wohl überlegt war, sei sie vor 33 Jahren zu ihrem Geschäft gekommen "wie die Jungfrau zum Kind". Elisabeth Kraus gab Handarbeitskurse an der Weisendorfer Außenstelle der Volkshochschule, und immer öfter wurde sie von Kursteilnehmern gefragt, wo sie denn die Wolle herbekommen könnten. Sie sollte doch einfach "a weng was" bei sich daheim verkaufen, baten sie ihre Lehrerin, und bald darauf war das "Wolle-Nest" geboren.

Immer mehr Kunden

Bei der Eröffnung standen die Leute bis auf die Straße, erinnert sich Kraus, denn verkauft wurde anfangs in einem kleinen Zimmer im Wohnhaus. Die 60-Jährige arbeitete damals noch bei der Post in Herzogenaurach, war im Geschäft auf die Unterstützung ihrer Mutter und von Teilzeitkräften angewiesen, aber ab 1992 widmete sie sich ganz der Welt der bunten Wolle. Der Zulauf wurde immer besser, erst zog man in die Garage um, 1994 wurde dann der heutige Laden ans Haus angebaut.

Bis vor vier Jahren war das "Wolle-Nest" auch auf vielen Märkten in der Region präsent. Ehemann Josef Kraus fuhr nach Höchstadt, Neustadt/Aisch, Forchheim oder Neumarkt, einmal wurde auch der Rossmarkt in Berching beschickt, zweimal der Erlanger Weihnachtsmarkt. Außerdem war der Stand der Weisendorfer alle 14 Tage am Bauernmarkt in Neunkirchen am Brand, jeden Samstag in Herzogenaurach und jedes Jahr Anfang Oktober natürlich auch auf dem Markt in Weisendorf zu finden, bis der Aufwand dem Ehepaar einfach zu groß wurde.

Verkauft wurde auf den Märkten vor allem Sockenwolle, während im Geschäft auch Tischwäsche, Stickereibedarf und andere Handarbeitsartikel über die Ladentheke gingen. Die Kunden waren überwiegend weiblich, sagt Elisabeth Kraus, aber es sei nicht nur die Socken strickende Oma gewesen, wie einen das gängige Handarbeitsklischee vermuten lassen könnte, sondern durchaus auch jüngere Frauen und Schulkinder. Trends wie vor einigen Jahren die Myboshi-Mützen hätten natürlich dazu beigetragen, eine neue Generation für die Handarbeit zu begeistern.

Besonders gern erinnert sich Kraus auch an eine Frau, die in der Türkei lebte und über einen deutschen Radiosender verzweifelt Material für Gerstenkornstickerei suchte, eine einfache Technik, die damals von vielen in der Branche belächelt wurde. Das "Wolle-Nest" aber konnte helfen, nahm Kontakt zum Radiosender auf und hatte bald eine zufriedene Kundin in der Türkei.

Elisabeth Kraus war immer bemüht, über den Tellerrand des reinen Verkaufs zu blicken, gab Kurse im Stricken oder in der Hardanger-Stickerei. Auch eine Modenschau mit Strickkleidung wurde einmal in Zusammenarbeit mit einer Weisendorfer Botique veranstaltet.

Eine Aktivität wird der energischen Geschäftsfrau auf jeden Fall auch im Ruhestand bleiben, denn sie strickt nahezu jeden Abend und will das auch weiterhin tun. Vorerst steht sie aber noch von Montag bis Samstag im "Wolle-Nest", bevor am 30. April das letzte Wollknäuel über die Ladentheke geht.