Alzheimer ist die kommende Volkskrankheit. Eine erschreckende Wahrheit, der man aber ins Auge blicken muss. Eben das Auge wurde am Donnerstag von der AOK Bayern in einem Info-Abend einbezogen. Wo sonst, wenn nicht in einem Kino, lässt es sich dazu anschaulich werden?

Stephan Preisz gehört der AOK-Direktion in Coburg an. An ihm sowie an AOK-Direktor Christian Grebner und dem aus gleichem Hause stammenden Koordinator für Selbsthilfegruppen, Uwe Leidinger, strömten ab 18 Uhr die Menschen vorbei in den Kinosaal 1. Ausverkauft ist der falsche Begriff für eine Veranstaltung, die kostenfrei war. Aber, so Preisz, schon wenige Tage nach Ankündigung des Ereignisses, hätte der komplette Kinosaal der Neuen Filmbühne dreimal gefüllt werden können. Klares Indiz dafür, dass Informationsbedarf besteht.

Und noch für etwas anderes, nämlich dafür, dass eine ähnliche Aktion der Krankenkasse vom Vorjahr in Erinnerung blieb. Damals wurde ein Film über Depressionen gezeigt, gleichfalls im Zusammengehen mit der Neuen Filmbühne und mit einem Nebeneffekt: der daraufhin erfolgten Gründung einer Depression-Selbsthilfegruppe.

Was nun im Saal gezeigt wurde und als Einstieg zu einer Fragestunde diente, hieß "Vergiss mein nicht". Wie sinnig, einen Film über Alzheimer so zu nennen. Das fiel dem Regisseur Malte Sieveking 2012 ein, und er schuf einen prämierten und sehr persönlichen Dokumentarfilm über das, was eine Alzheimer-Erkrankung mit einer Familie anstellt, wie sie Lebenskonzepte über den Haufen wirft, Ratlosigkeit schafft, Gewissensentscheidungen abverlangt, aber auch Humor birgt und die Möglichkeit, einen geliebten Menschen neu zu begleiten.

Jeden Zehnten über 75 trifft's

Interessant dabei auch der Blick in die Zuschauerreihen: weit überwiegend Frauen, insgesamt Menschen, die Verwandte pflegen, für Verwandte eine solche Krankheit befürchten oder im Pflegedienst tätig sind.

Einer der schmerzlichsten Sätze, die dieses Publikum im Film erlebte, war der von der an Alzheimer leidenden einst fest im Leben stehenden Seniorin Gretel, die in einem völlig gefahrlosen, dafür aber auch orientierungslosen Moment aussprach: "Können wir uns wohin setzen, wo wir nicht sterben?" Sätze wie diesen wird man von jeder zehnten Person über 75 Jahre zu hören bekommen. Eben das unterstreiche die Bedeutung solcher Aktionen und der Film selbst befindet sich schon seit Oktober für drei Monate auf Kino-Tour.

Doch wie lässt sich Alzheimer erkennen, wie lässt sich dieser Krankheit gar vorbeugen? Das zu beantworten, saßen im Nachgang des Films Johanna Thomack, Dipl. Sozialpädagogin und u. a. Fachtherapeutin für Psychotherapie, Karin Orbes, Honorardozentin an verschiedenen Instituten in der Fort- und Weiterbildung von Pflegekräften und fachlich vertraut mit Fragen zur Gerontologie, sowie Susanne Daiber, Chefärztin der geriatrischen Rehabilitations- und Tagesklinik in Bamberg, vor der Leinwand; Frauen, die beruflich oder auch privat mit Alzheimererkrankten zu tun haben.

Doch wie bringt man beispielsweise einen lieben Verwandten gegen dessen Willen zu einer Untersuchung? Auch der richtigen Kommunikation, so Orbes, kommt hier Bedeutung zu. "Es ist ungünstig zu sagen: ,Wir lassen dich untersuchen!‘" Besser sei es, mit milderen Formulierungen zu arbeiten. Vor allem Tageskliniken, wie sie in Kulmbach oder Bayreuth bestehen, würden sich für die Erstellung von Diagnosen eignen. Psychologen und Ergotherapeuten würden vielfältige Tests anbieten, letztlich könnte auch eine Computertomographie Gewissheit verschaffen. Denn tatsächlich muss nicht alles Alzheimer sein, was Alzheimer vermuten lässt.

"Handlungsplanung" gestört

So schilderte eine Frau im Publikum als Symptom der von ihr vermuteten Alzheimererkrankung ihrer Mutter deren Halluzinationen. Ihr erklärte Daiber, dass es eine Demenzart gibt, die dies beinhaltet, aber wohl eben nicht Alzheimer sei. Untrüglich für Alzheimererkrankung seien Wortfindungsstörungen, Beeinträchtigungen der "Handlungsplanung" und Orientierungslosigkeit. Als Risikofaktoren für Alzheimer wurde hoher Blutdruck, Vitaminmangel, Stress, Bewegungsmangel oder mangelnde Flüssigkeitszufuhr genannt. Überdies natürlich auch der Umstand, wonach Menschen heute älter werden als früher, die Gehirne somit auch.

Möglicherweise, auch das wurde im Austausch zwischen Zuhörer und dem dreiköpfigem Ansprechgremium ins Spiel gebracht, könnten auch Schlaftabletten - über langen Zeitraum eingenommen - verursachend sein. Gewiss sei das aber nicht.

Doch worin bestünde der Schutz vor Demenz? "Aktiv bleiben, möglichst öfter was Neues anfangen, das soziale Umfeld pflegen und sich geistig und körperlich fit halten", so ein Expertenrat. Die AOK wolle ihren Teil zum Umgang mit der kommenden Volkskrankheit leisten. Dazu hat sie einen Koordinator für Selbsthilfegruppen wie Leidinger. Sollte sich eine Selbsthilfegruppe bilden, würde die AOK das mit Räumlichkeiten unterstützen.