"Es gibt auch blöde Vorschriften!" Marktgemeinderat Udo Wüst von den Freien Wählern entfuhr dieser Kommentar nach einem zweistündigen Abstimmungsmarathon über die Eingaben zum Bebauungs- und Flächennutzungsplan "Nahversorgungszentrum II" Sassanfahrt. Es sei halt vorgeschrieben, hatte Bürgermeister Klaus Homann (CSU) das Murren einiger Ratsmitglieder über die schier endlose Prozedur zum Schweigen gebracht: Stellungnahmen der Behörden und Einwände der Bürger müssen detailliert aufgearbeitet werden. Jede Bewertung muss per Beschluss zur Kenntnis genommen, akzeptiert oder begründet abgelehnt werden.
Bei dem Projekt geht es um den Ersatzneubau auf der grünen Wiese gegenüber dem jetzigen Rewe-Markt bei Sassanfahrt/Köttmannsdorf. Er wird mit 1800 Quadratmetern Verkaufsfläche ein bisschen größer als der bisherige, um noch mehr Ware anbieten zu können und - das ist der Knackpunkt - um eine Jet-Tankstelle mit Autowaschstraße ergänzt. Das rief erwartungsgemäß einige Nachbarn auf den Plan. Sie fürchten den zusätzlichen Verkehrslärm und die Emissionen der Waschanlage, sorgen sich um ihre Nachtruhe und negative Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit, befürchten Rückstaus in den Kreisverkehr und vieles mehr. Auch wird die Notwendigkeit des Neubaus generell infrage gestellt und auf die sich abzeichnende Gewerbebrache am alten Standort verwiesen.
In zahlreichen mehrheitlich gefassten Beschlüssen hielt der Marktgemeinderat aber an dem Entwurf des vorhabenbezogenen Bebauungsplans fest, den das vom Investor beauftragte Planungsbüro Sauer + Harrer gefertigt hat. Zwingende Forderungen der ins Anhörungsverfahren eingeschalteten Fachbehörden werden noch berücksichtigt.
Bis zur zweiten Entscheidungsrunde soll ein Umweltbericht angefordert werden, um die Auswirkungen auf Mensch und Natur besser beurteilen zu können.
Der Ortsbewohner Harald Schmolke hatte zahlreiche Bedenken gegen das Projekt angemeldet. Völliges Unverständnis äußerte er für die geplante Tankstelle mit Waschstraße, die man besser im Gewerbegebiet von Erlach platzieren sollte. Der Marktgemeinderat hält jedoch mit 16:5 Stimmen am Standort gegenüber Köttmannsdorf fest und begrenzte die Öffnungszeit auf 6 bis 22 Uhr. Mit 12:9 wurde daneben auch die Errichtung der
Autowaschanlage gebilligt und die Benutzungszeit auf 6 bis 20 Uhr beschränkt. SPD-Gemeinderat Josef Haas nannte diese Beschlüsse einen "Kniefall vor dem Investor".


Nicht viel mehr Verkehr?

Auf Argwohn stießen vor allem Angaben des Bauherrn, wonach durch das Projekt im Umgriff kein spürbar höheres Verkehrsaufkommen zu erwarten sei. Deutlich mehr Liefer- und Kundenverkehr - Dritter Bürgermeister Hans Wichert (WG Sassanfahrt-Köttmannsdorf-Rothensand) sprach von rund 20 Prozent - hält der Marktgemeinderat für wahrscheinlich. Andernfalls würde die Investition ja keinen Sinn machen, hieß es. Bürgermeister Homann versicherte, dass die Tankstelle nicht auf die Bedienung von Lastwagen ausgelegt werde. Jet akzeptiert laut Homann nicht die im Schwerverkehr üblichen Tankkarten.
Unumstritten ist das Projekt auch bei den Fachbehörden nicht. So bedauerte das Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten den Verlust von landwirtschaftlichen Flächen. In Hirschaid seien mit Stand 2016 bereits 14,6 Prozent der Gemeindefläche für Siedlungen, Gewerbe und Verkehrsflächen genutzt, "womit der Markt deutlich über dem Landkreis-Durchschnitt von 8,2 Prozent liege. Die Behörde regte daher an, die Möglichkeit zu prüfen, Gebäudeleerstand, Baulücken und Brachflächen vorrangig zu nutzen. In diesem Fall vergebens: Es bleibt wohl dabei, lediglich Ausgleichsflächen für die Versiegelung aufzuwerten, die grüne Wiese aber unter Beton zu begraben.
Das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege mahnte zur Vorsicht, weil aufgrund von früheren Keramikfunden damit gerechnet werden müsse, dass bei Erdarbeiten bisher unbekannte Bodendenkmäler aufgedeckt werden. Die IHK - um noch einen weiteren Bedenkenträger zu nennen - äußerte sich zwar einverstanden mit der beabsichtigten Verlagerung und Vergrößerung des Einkaufsmarktes, lenkte aber den Blick auf die frei werdenden Handelsflächen.
Ingenieur Sauer verteidigte sein Konzept mit dem Hinweis auf die bereits erfolgte Abstimmung mit der Regierung von Oberfranken. Dann wurde er aber doch noch vom Marktgemeinderat zurückgepfiffen. Kurt Barthelmes (WG Regnitzau) monierte, dass dem Gremium über weite Strecken nur eine pauschale Zustimmung zu den "technischen Auswertungen" der eingereichten Bedenken durch das Ingenieurbüro abverlangt wurde.