"Europa im Wandel" ist das Motto des diesjährigen Wissenschaftstages der Europäischen Metropolregion Nürnberg am Freitag, 28. Juli, in Bamberg. Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen spüren zusammen mit Praxispartnern den Entwicklungen in Europa nach, die etwa durch Migration beeinflusst werden. Zum Tagesprogramm gehören vier Panels, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln dem Thema nähern. Unsere Zeitung sprach vorab mit den Panelleitern. Den Auftakt macht Professor Thomas Kern, Lehrstuhl für Soziologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Sein Panel titelt "Europa der Zukunft - Zukunft Europas?" und beginnt um 15 Uhr im Hörsaal MG1/00.04, Gebäude 1, Markusstraße 8a. Wer Interesse hat teilzunehmen, kann sich für Restplätze noch anmelden unter www.wissenschaftstag.metropolregion.nuernberg.de.

Wird eine Krise Europas nur herbeigeredet, oder befindet sich der Alte Kontinent tatsächlich im Absturz?
Thomas Kern: Wenn ein Problem als real wahrgenommen wird, hat es reale Konsequenzen - unabhängig von den konkreten Fakten. Es reicht daher nicht, die Fakten zu kennen, diese müssen auch angemessen gedeutet werden. Dies geschieht in öffentlichen Diskussionen, in denen Problemwahrnehmungen immer wieder neu mit den Fakten konfrontiert und abgeglichen werden. Solange dies gelingt, wird der "alte" Kontinent nicht abstürzen. Medien und Wissenschaft stehen hier besonders in der Verantwortung.

Nicht nur ängstliche Naturen beschwören den Untergang des jüdisch-christlichen Abendlandes durch den Zuzug von Muslimen. Was entgegnen Sie diesen Verängstigten?
Bedenkenträger sollten ernst genommen und in die Diskussion eingebunden werden, solange sie sich auf dem Boden der Rechtsstaatlichkeit bewegen. Dies ist ein demokratisches Grundprinzip. Auch wenn politische Prozesse dadurch langsamer werden. Nur so lässt sich der demokratische Friede dauerhaft bewahren.

Welche Zukunft hat Europa vor sich?
Die Zukunft ist offen. Bisher wurde Europa hauptsächlich von politischen und wirtschaftlichen Eliten vorangetrieben. Spätestens der Brexit hat jedoch klar gemacht, dass dies nicht mehr ausreicht. Statt der bisherigen Hochglanzwerbekampagnen braucht es eine transnationale Zivilgesellschaft, die der europäischen Idee mit konkreten politischen, kulturellen und sozialen Projekten an der Basis Leben einhauchen kann. Hier stehen wir aber noch am Anfang.

Sind die Vereinigten Staaten von Europa nach dem Beispiel der USA realistisch?
Die EU wird ihren ganz eigenen Weg finden, indem sie sich an ihren eigenen Problemen abarbeitet. Und davon gibt es im Moment genug: Arbeitslose Jugendliche in Griechenland oder Spanien wollen wissen, was die EU beitragen kann, damit ihre Zukunft gelingt. EU-Bürger in Großbritannien machen sich Sorgen, ob sie dort weiterhin leben können. Deutschland will weiterhin seine Waren exportieren. In den baltischen Staaten erwarten die Menschen Schutz und Beistand. Dies sind die Herausforderungen, an denen die EU wächst.

Welche Faktoren sollten maßgeblich sein für eine Erweiterung der Europäischen Union, etwa durch West-Balkanstaaten oder die Ukraine?
Hier wird es nicht nur auf den politischen und wirtschaftlichen Entwicklungsstand potenzieller Beitrittskandidaten ankommen, sondern vor allem auf die innere Stabilität der EU. Die Diskussion über strukturelle Reformen wird daher wohl zuerst geführt werden müssen.

Die Fragen stellte
Marion Krüger-Hundrup.