Das schmuddelige Herbstwetter passte so gar nicht zum feierlichen Charakter der Veranstaltung. Gut beschirmt hatten sich rund 50 Bürger am Dienstagvormittag am Mahnmal an der Berliner Brücke versammelt, um den "Tag der Deutschen Einheit" zu begehen. Stadtrat Wolfram Brehm, Vorsitzender des Kreiskuratoriums "Tag der Deutschen Einheit" fühlte sich mit Blick auf die Szenerie an den Volkstrauertag erinnert.
Hätte man die Feier nicht bunter und freudiger ausgestalten sollen? Die Antwort des Christsozialen fiel eindeutig aus: "Mit meinen Stadtratskollegen Simon Moritz von der SPD und Thomas Nagel von der FDP war ich mir einig, dass man an einem Tag wie heute, im Gedenken an die Vergangenheit, nachdenklich sein muss." Die Begründung dafür lieferte der Redner in seiner mit Beifall bedachten Rede. Für Brehm war es eine gelungene Premiere, aber auch eine Auszeichnung und Ehre am Nationalfeiertag sprechen zu dürfen. Warum? "Weil es in Deutschland inzwischen zwei Generationen junger Menschen gibt, die das geteilte Deutschland nur noch aus Erzählungen kennen. Von den Ereignissen des 17. Juni 1953 ganz zu schweigen."
Auch sein Vorgänger im Amt, der frühere Kulmbacher Bürgermeister und Historiker, Wolfgang Protzner, der in den vergangenen vier Jahrzehnten mit klugen Reden und klaren Worten zu begeistern vermocht hatte, lauschte andächtig Brehms Ausführungen. "Nach so vielen Jahren war es an der Zeit, meine Aufgabe in jüngere Hände zu legen", erklärte das CSU-Urgestein.
Mit Blick auf die Inschrift des Mahnmals ("Deutschland unteilbar") und das Ergebnis der Bundestagswahl stellte sein Nachfolger fest, dass die Gefahr einer neuen Teilung Deutschlands durchaus wieder im Raume stehe. "Es droht keine räumliche Teilung mit Grenzen und Mauern, sondern vielmehr eine Teilung im Kopf, eine Teilung in diejenigen, die fest zu unseren Grundwerten stehen - und in diejenigen, die diese Grundwerte ablehnen", stellte der Redner klar.


Rattenfänger und Protest

Obgleich er keinen Parteinamen nannte, immer nur von "Rattenfängern" oder dem "Protest auf dem Stimmzettel" sprach, wusste doch jeder, wer gemeint war: die AfD. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, betonte Brehm, dass die Demokratie vom Widerstreit der Meinungen lebe. Bei aller Unterschiedlichkeit müsse es eine gemeinsame geistig moralische Grundlage geben, die das Zusammenleben, die Diskussionskultur und das Streben nach einer guten Zukunft bestimme. Um diese machte sich Brehm, der Artikel des Grundgesetzes zitierte, seine Sorgen. "Lernen wir aus unserer Geschichte und wehren wir den Anfängen. Für Einigkeit und Recht und Freiheit", schloss er seine mit viel Beifall bedachte Rede.
Mit Blick auf die aktuellen Ereignisse in Katalonien und den Brexit hatte Stadtrat Simon Moritz (SPD) in seiner Begrüßung festgestellt: "Nationale Einheit trotz regionaler Unterschiede, aber auch ein offenes Bekenntnis zur Europäischen Staatengemeinschaft scheinen keine Selbstverständlichkeit mehr zu sein". Thomas Nagel sprach sich in seinen Schlussworten dafür aus, den Tag der Deutschen Einheit im Schulunterricht stärker ins Bewusstsein zu rücken: "Unsere Demokratie und das Recht zu wählen, müssen auch bei Kindern und Jugendlichen stärker an Wert gewinnen."
Landrat Klaus Peter Söllner und Oberbürgermeister Henry Schramm, die einen Blumenkranz niedergelegt hatten, verneigten sich im Gedenken an die Opfer der deutschen Teilung vor dem Mahnmal. Freudig stimmten die Teilnehmer der Gedenkfeier in das Deutschlandlied und die Europahymne ein. Dabei wurden sie von Silke Scheffold und Ilona Ramming von der städtischen Musikschule auf ihren Saxofonen begleitet.