Eckehard Kiesewetter

Zu der Zeit hat Günter Pfeiffer noch mit Rennautos und der Eisenbahn gespielt. Was da politisch vor sich ging, war für den damals 13-Jährigen kein Thema. Dass das wohlhabende Ermershausen um keinen Preis in die Großgemeinde mit dem finanziell nicht so gut bestückten Maroldsweisach integriert werden wollte, interessierte einen Buben nicht die Bohne.
Doch haben sich dem heutigen Bürgermeister von Ermershausen die Eindrücke aus der Nacht vom 19. Mai 1978 eingeprägt, der Nacht des "Polizeiüberfalls" auf das Rathaus seines Dorfes: "Wie in einem schlechten Film. Hunderte von Polizisten mit Schutzhelmen und Schildern und Schlagstöcken; aufgebrachte Menschen, die sich beschimpften, schrien, die sich schubsten und beleidigten." 40 Jahre später kommt ihm alles wie ein Alptraum vor, "so unwirklich".


Aufgebrachte Bürger

Pfeiffer kann nur ahnen, welche Emotionen sich damals wegen des Überfalls auf das Rathaus aufgestaut haben. Der Firmenkundenbetreuer bei der Raiffeisenbank in Ebern kann kaum nachvollziehen, mit welcher Logistik die Polizei damals auffuhr, um Unterlagen aus dem Rathaus zu holen, "wie das alles generalstabsmäßig geplant war und das Dorf mit seinen 600 Einwohnern umstellt wurde". Der "Überfall" gehöre zur Geschichte Ermershausens und dürfe nie vergessen werden, findet Pfeiffer. Aber es gebe eben "drei Epochen". Der Phase vor der "Zwangseingemeindung" folgte die Zeit des beharrlichen Widerstands und dann die dritte Epoche nach 1994, als das Dorf seine Selbstständigkeit wiedererlangt hatte. Der Freie Wähler Pfeiffer bewundert die Beständigkeit und das Durchhaltevermögen, mit dem Adolf Höhn und seine Mitstreiter den Widerstand über so lange Zeit aufrecht hielten. "Eine beeindruckende Leistung", findet der 53-Jährige. "Die Empörung über den ,Polizeiüberfall' hat die Bürger zusammengeschweißt". In den Widerstandsjahren seien Dorfgemeinschaft und Vereinsleben gewachsen. Auf keinen Fall seien es 16 verlorene Jahre gewesen. "In dieser Zeit ist viel gebaut worden", sagt Pfeiffer. Eine Veranstaltungshalle für 350 Personen suche man sonst in der Gegend vergebens.


Nicht gegen die Menschen

Der Bürgermeister betont, dass der Ärger über Politik und Obrigkeit keine Feindschaft unter den Bürgern und innerhalb der Familien der benachbarten Orte bedeutet habe. "Wir gehören zusammen". Seine Mutter stamme aus Maroldsweisach, und Wilhelm Schneider, früherer Bürgermeister in "Maro" und heutiger Landrat, ist sein Cousin.
Die dritte "Epoche" sei zunächst wegen der Vermögensauseinandersetzung nicht ganz einfach gewesen. Doch von Jahr zu Jahr habe sich die Verbindung gebessert, schildert der Bankkaufmann. Heute teile man die Kläranlage, betreibe eine gemeinsame Grünschnittdeponie und hänge an der gleichen Wasserversorgung. "Die Zusammenarbeit ist prima!"


"Ein Glücksfall"

Die Betreuung Ermershausens durch die Verwaltung in Hofheim sei "gleich der nächste Glücksfall". Von ihrer Zugehörigkeit zur Hofheimer Allianz profitierten Ermershäuser wie auch "Marokkaner". Seine Gemeinde, sagt ein stolzer Bürgermeister, sei heute schuldenfrei. Die dritte Epoche ist für Pfeiffer "eine Erfolgsgeschichte". Wenn er seinen beiden inzwischen erwachsenen Töchtern von der Teilung Deutschlands oder der Zwietracht wischen Ermershausen und Maroldsweisach erzählt, dann kommt es ihnen fast ein wenig vor wie eine Geschichte aus dem späten Mittelalter.
Zwei, die sich trotz der Dissonanzen zwischen ihren Dörfern gefunden haben, sind Jürgen Oeser aus Ermershausen und seine Frau Ute, die aus Maroldsweisach stammt. Beide, Jahrgang 1963 und 1964, haben den Streit der Nachbarkommunen bewusst mitbekommen, "aber wir haben uns da immer rausgehalten", sagt sie.
"Den Polizeiüberfall habe ich persönlich erlebt", erzählt Oeser, der heute Geschäftsführer eines Bauunternehmens ist: "Mit 15 kriegt man das schon mit. Das war wie bei einer Großdemo, wenn mobil gemacht wird". Die Polizei sei "aufmunitioniert" gewesen, wie damals bei Einsätzen gegen die RAF üblich.
Er persönlich habe keine Aggressionen gehegt und selbstverständlich Freunde in Maroldsweisach gehabt.
Dabei war seine Mutter eine glühende Verfechterin des Widerstands, die dem Bürgermeister Adolf Höhn und Mitstreiter Florian Schmucker zu Demonstrationen bis nach München begleitete.
Der junge Ermershäuser lernte beim Bauunternehmen Welz in "Maro" und arbeitete dort auch nach seiner Bundeswehrzeit wieder. Seine Frau hat er 1984 kennengelernt. Auseinandersetzung hin oder her, die jungen Leute waren zum Tanzen oder zu Partys überall unterwegs, ganz egal ob in Ermershausen, Maroldsweisach, Unterpreppach oder sonst wo. Oeser:"Man läuft sich über den Weg, kommt ins Gespräch und irgendwann ist man ein Paar."


In beiden Orten daheim

1987 zogen beide nach Würzburg, wo er die Meisterschule besuchte. 1988 ging es zurück, nach Maroldsweisach in die Meininger Straße. "Damit war ich ein Maroldsweisacher auf dem Papier", lacht Jürgen Oeser. Persönliche Probleme habe es nie gegeben. Für die jungen Leute und deren Freunde war der Zwist unter den Nachbarorten kein Thema.
In den Familien jedenfalls waren die jungen Partner rasch integriert. Und als die beiden 1990 auf dem Standesamt - ihr zuliebe in Maroldsweisach und nicht wie sonst bei den Ermershäusern üblich in Hofheim - die Ehe schlossen, war auch Oesers Mutter dabei. Den Polterabend feierten einträchtig Maroldsweisacher und Ermershäuser mit. Aus den Eheleuten wurde eine vierköpfige Familie, die Söhne kamen 1992 und 1995 zur Welt. Seit 1993 lebt Familie Oeser zufrieden in einem eigenen Heim - in Ermershausen. eki