Ekkehard Roepert

Forchheim —  Die drei Lieblingsbeschäftigungen von Joon Kim sind: Mathematik, Physik - und Basketball. Woher seine Leidenschaft für das Rechnen kommt? "Ich weiß es nicht", sagt der 16-Jährige: "Schon in der Grundschule waren Mathe und Physik mein Lieblingsfächer."
Seine Eltern hätten ihn nie zum Rechnen gedrängt. Die interessierten sich mehr für Menschenrechte als für Mathematik. Vor zweieinhalb Jahren kam die sechsköpfige Familie aus der südkoreanischen Hauptstadt Soul nach Erlangen. Die Eltern studierten dort. Heute wohnt Joon Kim mit seinen Eltern und drei jüngeren Brüdern in Forchheim.
Der Ehrenbürg-Gymnasiast war schon im vergangenen Jahr bei der bayerischen Matheolympiade und wurde Dritter. Heuer, am 23. Februar, lieferte Joon Kim in Passau sein bisheriges Meisterstück ab. Er holte bayerisches Mathe-Silber. Und wenn sich seine Träume erfüllen, wird er im Sommer in der Bundesrunde nach Mathe-Gold greifen.
Wer, wie Joon Kim, den Mathe-Olymp erklimmen will, muss einen langen Anlauf nehmen. Nachdem der 16-Jährige die ersten Aufgaben seines Fachlehrers Norbert Knoesel gelöst hatte, gab es schulintern eine zweite Runde: Dabei holte Joon Kim nach vier Stunden 38 von 40 möglichen Punkten.
Nach diesem Vorrundenerfolg machte sich Joon Kim gemeinsam mit seinem Schulfreund Fabian Schramm Ende Februar frühmorgens auf den Weg zur Mathematik-Olympiade. Eine Stunde vor der Klausur kamen die beiden mit dem Zug in Passau an. "Ein bisschen nervös war ich schon", erinnert sich Joon Kim an jenen Moment, als er die grüne Mappe mit den Aufgaben auf dem Tisch vor sich liegen sah. Für die Lösung hatte er vier Stunden Zeit.
"Geometrie ist meine Stärke", erzählt Joon Kim. Am ersten Olympia-Tag holte er 18 von 20 Punkten. Kniffelig wurde es bei der dritten Aufgabe, da ging es um einen algebraischen Beweis. "Es war schwierig, eine Lösung zu finden."
Schwierig waren dann auch die Umstände in der Nacht vor der zweiten Prüfung. Im Elf-Betten-Zimmer der Jugendherberge machte sich eine Kartenspiel-Runde breit. "Ich war dann ein bisschen müde bei der zweiten Klausur", erinnert sich Joon Kim. An beiden Tagen zusammen hatte er schließlich 33 von 40 möglichen Punkten geholt und damit eine Silber-Medaille gewonnen.
Das berechtigt ihn, an einem Auslese-Seminar im April teilzunehmen. Kommt er dort unter die ersten drei, dann nimmt der 16-Jährige im Sommer an der Bundesrunde teil.


Rechnen bis in die Nacht

Sein kleiner Bruder Yeonsu Jun (15) erzählt, dass es für Joon "ganz normal" sei, immer wieder bis spät in der Nacht vor den Mathebüchern zu sitzen und geometrische Aufgaben zu lösen. Außerdem geht er jeden Tag nach der Schule in die Forchheimer Stadt-Bibliothek, um seiner Leidenschaft zu frönen.
So viel Rechen-Begeisterung bringt natürlich Spitzennoten hervor. In den Matheschulaufgaben hatte Joon Kim heuer immer die volle Punktzahl. Und einmal, als seine Lehrerein Angelika Weineck zu einem Gespräch vor die Tür gerufen wurde, bat sie ihn, solange für ihn einzuspringen.
So sehr sich der 16-Jährige an der Mathematik erfreut; manchmal setzte er sich damit auch "ein bisschen unter Druck", gesteht Joon Kim. In Passau wurden die Sieger unter anderem mit Mathebüchern belohnt. "Ich hab ein Geometriebuch gewählt." Das trägt Joon Kim nun in seinem Rucksack bei sich, um während der täglichen Bibliotheksbesuche seine Rechenkünste weiterzuentwickeln.
Insgesamt empfinde er aber keinen Leistungsdruck, sagt Joon Kim. Die Schule in Deutschland sei nicht mit dem vergleichbar, was er in Südkorea erlebt habe. "In Deutschland ist die Atmosphäre entspannter."
In Südkorea, sagt Joons Bruder Yeonsu, sei die Herangehensweise ganz anders: "Nachhilfe in Mathe kriegen die guten Schüler und nicht die Schüler mit schlechten Noten."
Ob die Mathematik auch seine berufliche Zukunft bestimmen werde, darüber habe er sich noch keine Gedanken gemacht, sagt Joon Kim. "Aber eigentlich möchte ich in diese Richtung gehen." Er liebe die Naturwissenschaften und allen voran Mathematik: "Da muss man nichts auswendig lernen. Man kann eine kreative Idee haben - und dann einfach rechnen. Jeder Lösungsweg ist was Eigenes."