I ch stelle mir das gerade bildlich vor: Vor den Toren der großen Stadt steht ein Mensch, auf den alle sehnsüchtig gewartet haben. Das Stadttor öffnet sich, der Erwartete kommt, und das Volk bricht in Jubel aus. Zweige werden von den Bäumen geschnitten, Kleider auf die Straße gelegt, dass der Erwartete ohne jegliche Berührung mit dem Staub der Straße in die Stadt einziehen kann. Jubel brandet auf: "Endlich bist du da! Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn, der König von Israel! Wir haben lange auf dich gewartet, jetzt bist du da!"
Zumindest Teile dieses Palmsonntagsbildes lassen sich auf die letzte Woche übertragen. Eine halbjährige Wartezeit ging zu Ende und die Zeit der "geschäftsführenden" und damit handlungseingeschränkten Regierung war endlich vorbei. Anhand der Sondierungs- und Verhandlungsverläufe lässt sich ja leicht ablesen, wie oft die "erwartete" neue Regierung vor den Toren stand und sich wieder zurückgezogen hatte. Jetzt aber ist sie "eingezogen", in Amt und Würden, ausgestattet mit dem Mandat der Wähler und der Volksvertreter.
Als Jesus damals in Jerusalem einzog, waren Freude und Jubel nicht ungeteilt; Neider und Missgünstige, die Bibel nennt sie hier Pharisäer, konnten dem Ganzen nichts abgewinnen, "siehe, alle Welt läuft ihm nach", heißen ihre Worte im Johannesevangelium und sie verheißen nichts Gutes. Ungeteilt ist die Freude über die gegenwärtigen "Einzüge" in die Büros der Regierung auch nicht; sei es von "berufenen Stimmen" in wohlgesetzte Worte gefasst oder auf den Straßen mancher Städte alles andere als "wohlgesetzt" herausgeschrien.
"Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen", diese Verheißung des Propheten Sacharja hatte sich mit dem Einzug Jesu in Jerusalem erfüllt. Sie birgt allerdings einen Strauß weiterer Botschaften: "Fürchte dich nicht!" Damals wie heute ein guter Rat. Wie viel schlimme, manchmal unmenschliche Haltungen und Verhaltensweisen entwachsen dem Begriff "Furcht vor ..."? Jegliche Art von Abgrenzung, Ausgrenzung und Ablehnung anderer hat als ersten Punkt ihrer Entstehungsgeschichte eine solche "Furcht vor ..." im Stammbuch stehen.
"Siehe, dein König kommt und reitet auf einem Eselsfüllen." Wenn ein Herrscher kommt, wird für gewöhnlich erwartet, dass er so richtig "aufkracht" mit Pauken und Trompeten, mit allem Pomp, der zum Amt gehört. Jesus aber sitzt nicht auf dem prächtigen Streitross, er zieht auf einem Eselsfohlen ein. Bescheidenheit ist seine Botschaft, er hat sozusagen die Zwölfzylinder-Schummel-Diesel-Luxuslimousine mit einem Kleinwagen vertauscht.
Vielleicht wäre an mancher Stelle Bescheidenheit heilsamer als das gewohnte markige Aufkrachen mancher Protagonisten unter den eben regierungstechnisch "Eingezogenen".
Die Parallelen zwischen der biblischen Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem und den Ereignissen der Gegenwart mit ihren Schwierigkeiten und Polarisierungen zeigen jedoch noch keinen Lösungsansatz.
Es gibt allerdings einen Schlüssel, und der verbirgt sich in dem Wort "Hosianna". Es ist eben kein Jubelruf oder Triumphgeheul, wie man vielleicht meinen könnte. "Hosianna" ist eine einfache Bitte, sie heißt "Hilf doch!" Wenn all das, was in unserer Gegenwart nicht in Ordnung ist oder scheint, geheilt werden soll, dann braucht es anderes als programmatische oder gewichtige Worte, da braucht es zuerst eine Bitte: "Herr Gott im Himmel, Hosianna, hilf doch!"

(Wolfgang Scheidel ist evangelischer Pfarrer in Ditterswind.)