Immer mehr Menschen in Bayern leben alleine. Nach Ergebnissen des Mikrozensus 2016 gab es in Bayern rund 6,4 Millionen Privathaushalte; etwa 41 Prozent davon sind Einpersonenhaushalte. Das Bayerische Landesamt für Statistik gibt an, dass der langfristige Trend einen Rückgang der Mehrpersonenhaushalte mit drei oder mehr Personen anzeigt. Dagegen gewannen Einpersonenhaushalte an Bedeutung.
39 Prozent der Alleinlebenden hatten das 60. Lebensjahr bereits vollendet. Nicht alle haben diese Art zu leben allein gewählt. "Wenn ich älter bin, sind vielleicht die Kinder aus dem Haus, andere Familienangehörige oder Freunde sind verstorben, soziale Kontakte sind schleichend abhanden gekommen", erzählt Petra Hellmann, Heilpraktikerin für Psychotherapie mit Praxis in Forchheim. Sie war sechs Jahre lang im Trauercafé in Sankt Johannis und auch in der Trauerbegleitung tätig. Hier und in ihrer Praxis hat Petra Hellmann oft mit einsamen Senioren zu tun, die ihre Hilfe suchen.


Von Reizen überflutet

Einsamkeit ist ein Phänomen unserer von Reizen überfluteten Welt, in der jeder ständig mit jedem in Kontakt sein kann. In Großbritannien wurde sogar ein neuer Ministerposten geschaffen. Tracey Crouch soll den Kampf gegen die Einsamkeit aufnehmen.
Doch wie sieht es hier bei uns aus? "Bei älteren Menschen ist die Suizidrate erhöht. Das kann mit Krankheit oder dem Tod des Lebenspartners zu tun haben", erklärt die Heilpraktikerin für Psychotherapie. Sie sieht das Problem gar nicht mal bei Menschen, die schon immer Singles waren, sondern bei Paaren, die immer nur gemeinsam unterwegs waren. "Singles haben sich ein soziales Umfeld von Freunden aufgebaut. Aber wenn ich nur mit meinem Partner unterwegs war und dieser stirbt, bin ich plötzlich alleine und einsam", erläutert Petra Hellmann.
Sie erzählt weiter von Witwen, die vorher mit anderen Paaren befreundet waren. Nach dem Tod des Mannes brach der Kontakt zu den anderen Paaren ab. In manchen Fällen sahen die Frauen mit Partnern die Witwe als eine Bedrohung, in anderen kamen sich die jetzt allein stehenden Frauen wie das fünfte Rad am Wagen vor und nahmen sich zurück. Petra Hellmann kennt dieses Phänomen aus der eigenen Familie. Ihre Mutter fiel nach dem Tod des Vaters in eine Art Starre. Sie tue sich nach wie vor schwer, das Haus zu verlassen, erzählt sie.
Die Eltern hatten keine richtigen Freunde, da sie sich und die Kinder hatten. "Ich kann nur allen Eltern empfehlen, ein eigenes Leben zu führen und die Kinder loszulassen. Jedes Familienmitglied muss sein eigenes Leben führen können. Und man braucht Freundschaften und Bekanntschaften", sagt Petra Hellmann.


Mit Hausaufgaben

Mit ihren Patienten führt sie Gespräche, doch sie gibt ihnen auch Hausaufgaben auf. Zum Beispiel müssen sie raus und ins Kino gehen. "Da ist es dunkel und es macht nichts, wenn ich da nicht mit einem Partner komme. Das sieht doch niemand", meint die Heilpraktikerin für Psychotherapie. Oder die Patienten sollen einen alten Bekannten anrufen. Oder sie sollen sich zur Gymnastik oder einer anderen Seniorengruppe anmelden.
"Es gibt doch in Forchheim und auch im Umland viele Angebote für Senioren. Manchmal bringe ich auch alte Menschen zusammen, damit sie gemeinsam etwas unternehmen", erzählt Petra Hellmann.
Anders sei das bei pflegebedürftigen Menschen. Hier sind Leute gefragt und gesucht, die diese besuchen und mit ihnen sprechen oder ihnen etwas vorlesen. Hier können aktive ältere Menschen kranken Senioren helfen und tun damit etwas gegen ihre eigene und gegen die Einsamkeit des anderen.
Eine weitere Möglichkeit ist, dass sich Alleinlebende ein Tier anschaffen. Die Heilpraktikerin für Psychotherapie empfiehlt einen älteren Hund aus dem Tierheim zu holen, denn mit Hunden muss man täglich mehrmals spazieren gehen. Und beim Spaziergang trifft man andere Hundebesitzer, mit denen man sich unterhalten kann. "Die Menschen gehören dazu, haben Verantwortung und eine Aufgabe. Viele, die dann sagen, dass sie durch ein Tier zu angebunden wären, fahren doch eh nie weg", meint Petra Hellmann.
Mit einer Gruppe hatte sie auch schon mal geübt, dass jeder im Café 15 Minuten alleine sitzen muss. Das fanden viele der Teilnehmer sehr schwierig. Petra Hellmann empfiehlt ihren Patienten auch alleine auszugehen, beispielsweise ins Kabarett oder in eine Travestie-Show. Dazu meint sie: "Da kann man dann richtig gut lachen, auch wenn man alleine ist. Lachen heilt und bringt Freude ins Leben."