Ludwig Leisentritt

Bis in die 1950er Jahre war der ländliche Krämerladen nicht nur der Ort, in dem man sich mit Lebensmitteln versorgte. Hier erfuhr man auch, wie es dem kranken Opa aus der Nachbarschaft ging oder ob die Kuh des Bürgermeisters schon gekalbt hat. Die Menschen hatten mehr Zeit, sie waren weniger stark gehetzt und vernetzt und lange nicht so mobil wie heutzutage - die Waren wurden auf der Theke zusammengestellt und häufig ließ man anschreiben und bezahlte erst, wenn eine bestimmte Summe zusammengekommen war. Das alles änderte sich, als vor 60 Jahren die ersten Supermärkte entstanden.
Es ist aufschlussreich zu sehen, was bereits vor rund 150 Jahren alles angeboten wurde. Internationaler Handel? Gab es freilich da schon längst - insbesondere im Zuge der europäischen Kolonialzeit hatte sich der Zugang zu internationalen Märkten und damit verbundenen Güterbewegungen noch einmal verstärkt.


Im Schatten des Nachbarn

Aber doch standen Städte wie Zeil oder Eltmann hier in der Region auch im Schatten des größeren Nachbarn Haßfurt: Viele Waren gab es zunächst nur dort.
Die Haßfurter Geschäftsleute boten im 19. Jahrhundert über Inserate im Amtsblatt arabische Gummikugeln, holländische Heringe und Schellfische, "Caviar" und Kronsardinen aus Russland, Pomeranzen, frische Zitronen, Maccaroni und Haselnüsse aus Italien, spanischen Wein, serbische Zwetschgen, englische "Biscuits", Holzschuhe aus Frankreich, chinesische Tees, Kaffee aus Java und Ceylon und sogar Schweinefleisch an.
Das änderte sich im Laufe der Jahre dahingehend, dass auch die Einzelhändler umliegender Städte und Gemeinden gegen Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr mitmischten. Und das Warenangebot wurde immer vielfältiger. Bislang in unerreichbarer Ferne liegende Waren drangen allmählich bis in die kleinsten Läden in Haßfurt, Zeil, Eltmann und die anderen Orte in der Heimat vor. Die Entwicklung im Raum Ebern war vergleichbar.


Streichholz, Safran, Schnupftabak

Zu dieser Zeit war es üblich, dass ein Kaufmann alles anbot, was die ländliche Bevölkerung so brauchte - von der Mistgabel bis zum Streichholz. Daneben wurden Mausefallen und Fliegenfänger, Schnupftabak und Kräutertees, Peitschenstecken (solche wurden früher etwa in Uchenhofen gefertigt), Safran, Kerzen, Taschentücher, Stiefelwichse und vieles andere angeboten.
Die meisten Produkte wurden "lose" verkauft, waren also nicht abgepackt. Wollte man Öl kaufen, musste man eine Flasche mitbringen und bekam das Gewünschte direkt aus dem Salat- und Speiseölbehälter abgezapft. Heringe, Gewürzgurken und Sauerkraut gab es direkt aus Fässern oder Steingutbehältern. Bis 1922 in Zeil die Elektrizität ihren Einzug hielt, gehörte auch Petroleum für die Lampen zu den Hauptartikeln.
Sprung ins Jahr 1959: Im damaligen Landkreis Haßfurt (der Kreis Haßberge entstand erst im Jahr 1972 mit der Gebietsreform aus den damaligen Landkreisen Haßfurt, Hofheim und Ebern) zählte man in diesem Jahr 460 steuerpflichtige Einzelhändler. Der Einzelhandelsverband in Haßfurt wies 1965 darauf hin, dass die strukturelle Veränderung innerhalb des Einzelhandels geradezu revolutionär sei. In den letzten 100 Jahren bis 1949 habe es auf dem Einzelhandelssektor nicht solche Umstellungen gegeben. Selbstbedienungsläden, dann die in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre aufkommenden Supermärkte, ein vergrößertes Warenangebot, Preisschlachten der Großanbieter - diese emporschnellende Wandlung sei mit keiner industriellen Entwicklung zu vergleichen, die durch die Automation eine Öffnung der Weltmärkte erfahren habe, hieß es.
Mit dem Aufkommen der Motorisierung in der breiten Bevölkerung änderte sich auch das Kaufverhalten. Die Mobilität der Menschen eröffnete ungekannte Möglichkeiten. So führte etwa in Ebern der Vorsitzende des Einzelhandelsverbandes, Josef Stastny, 1962 bittere Klagen über die Abwanderung der Käufer von den Landgemeinden in andere Einkaufszentren. "Jeder, der ein Auto kauft, ist für uns als Kunde gestrichen", war sein Resümee. Viele Wagenbesitzer besorgten ihre Einkäufe nur noch in den nächstgrößeren Städten. Die Zeitung titelte zu dieser Meldung: "Das ist auch Landflucht".
Die Landbevölkerung nutzte ihre Mobilität, um andere Einkaufsmöglichkeiten zu erschließen. Mehr und mehr tätigte die Bevölkerung Einkäufe auch dort, wo sie arbeitete. Aus dem ländlichen Raum machten sich immer mehr motorisierte Landwirte auf, um in der nächstgrößeren Stadt einzukaufen. Gefördert wurde dieser Trend auch dadurch, dass die modernen Maschinen für mehr Freizeit sorgten. Nur das, was vergessen worden ist, holte man sich noch beim Einzelhändler um die Ecke.