"Ich bin einfach platt und geflasht wie viele Leute, die heute Abend hier waren", meint Thomas Kaminski, als er von der Bühne des Live-Clubs in Bamberg herabsteigt und noch die letzten Notenstapel sortiert. Kein Wunder: 167 Frauen haben soeben - zu einem Drittel ohne jede Chorerfahrung - gut anderthalb Stunden die Räume des Clubs mit flotten Popsongs wie "Blitzkrieg Bob" von der Band "Ramones" oder "Never gonna give you up" von Rick Astley geflutet. Die erste Probe des neuen Frauenchors "Mädelsabend".

Doch wie kam es dazu? "Angefangen hat alles vor vier oder fünf Jahren in Berlin, da hatte ich zum ersten Mal einen Kneipenchor erlebt", erzählt der 32-Jährige, der zum Studium nach Bamberg kam. Die offene Art, das "Einfach-mal-so-Singen" hatte ihn gleich gepackt. "Zur Not stehen die Leute mit Smartphone da und singen so den Liedtext", erzählt Kaminski.

Wie ein Lauffeuer

Das ganze Konzept hat er dann in die Domstadt importiert und trat vor kurzem mit seiner Gruppe "Männersache" an, um Pendlern am Bamberger Bahnhof den Weg zur Arbeit mit stimmigen Songs aufzulockern. Der Herrenchor lebt seit Mai 2018 und bis zu 35 Männer aller Altersgruppen sind zu den Proben am Start. Unterschiedliche Erfahrungsstufen seien kein Problem: "Die stärkeren Sänger ziehen die ungeübteren einfach mit", verspricht der Dirigent.

Warum also nicht das Ganze für die Damen aufziehen? Über die sozialen Medien und Messenger verteilt sich die Nachricht vom ungezwungenen Chor wie ein Lauffeuer. Die ersten Sängerinnen kommen an diesem Mittwochabend kurz nach halb 8 in die Tanzlocation. Immer mehr Frauen treten durch die Schwingtür ein, um sich mit den Notensätzen zu versorgen, die Kaminski "abgehört" und mitgebracht hat.

Dann geht's ans Eingemachte: "Wer kennt denn schon seine Stimmlage?", fragt der Leiter seines privaten Musikinstituts "Bamsession" in die Runde. Ein paar Dutzend Hände gehen nach oben. Dann wird geprobt. Erst alle gemeinsam, dann mit mittleren Stimmen, Alt und natürlich Sopran.

Mit Sprüchen und Späßchen wie "Ich bin heute nicht euer DJ!" und "Ihr steht so ruhig, alles okay bei euch?" hat er die Damen auf seiner Seite. Herzliches Lachen begleitet den Abend, und bei den Frauen herrscht gute Stimmung. Wahlweise beatboxt Kaminski den Takt, überspitzt mal eine Stimme, neckt mit: "Das klingt wie nach drei Seidla" - und gibt mit Verve den Einsatz. Wie er da am Keyboard steht, freut sich der Chorleiter sichtlich wie ein Honigkuchenpferd, dass es so locker läuft.

Als der Einsatz für das "Hey-ho - let's go!" von "Blitzkrieg Bop" etwas lasch daherkommt, ruft der Dirigent: "Das Hey-ho muss kommen, wie wenn beim Bockbieranstich das letzte Fass angezapft wird!" Die Sängerinnen lachen, und es geht mit noch mehr Elan weiter.

Mit steigendem Tempo und mehr Ambitionen im Gesang geht auch die Zeit rasant vorbei. "Ich dachte erst, dass es mit so vielen Teilnehmerinnen schwierig wird", meint Jasmin Kremer. Sie hatte zwar wenig Vorerfahrung, aber viel Vorfreude mitgebracht und wurde nicht enttäuscht.

"Ein cooles Konzept"

"Der Chor hat ein cooles Konzept", finden Martina Siegert, die im Sopran singt, und Julia Schmidt, die im Alt zu Hause ist. Bei der Musikauswahl sei man wesentlich freier als beispielsweise bei einem klassischen Kirchenchor. "Und die sehr lockere Atmosphäre macht einfach Spaß", findet Schmidt. Am nächsten Mittwoch sind die beiden auf jeden Fall wieder mit von der Partie. Für die drei Studentinnen Susan Kasten, Marie Nickel und Elisabeth Kirsch ist der Chor ein gutes Angebot: Anders als beim Universitätschor gibt es kein Vorsingen oder Casting, so dass jede Interessentin ohne Probleme einsteigen kann.

Chorleiter Kaminski sieht auf jeden Fall gute Chancen für den "Mädelsabend": "Irgendwann haben wir sicher zehn bis zwölf schöne Lieder im Repertoire. Dann schauen wir, wo wir spontan mal auftreten oder eingeladen werden", sagt der Dirigent.

Und wer weiß: Vielleicht gibt's bald wieder Flashmobs auf Straßen und Plätzen, um den Menschen gute Laune und Abwechslung im Alltag zu schenken ...