Ein mir bekannter Lichtenfelser ist mit einem ziemlich unmöglichen Balg geschlagen. Sie wissen schon, eine von diesen jungen Rotznasen, die für eine Freitag-Schulaufgabe schon am Dienstag mit dem Lernen beginnen. Die Kleine ist 13 und man kann sich vorstellen, wie Schützen- und Volksfestbesuche mit einem Kind dieses Alters einem die Nerven rauben können.

Überall Verlockungen von nicht ganz billigen Fahrgeschäften und erst der Duft von all dem sicher gewiss preislich fair kalkulierten Essen, der in der Luft liegt. Selbst wenn man satt ist, möchte man noch futtern. Und dann das Kribbeln im Bauch, sobald man sich im Karussell überschlägt oder umdreht.

Schützenfeste sind herrlich und das Lichtenfelser gleich gar. Dorthin zog es den Lichtenfelser mit der 13-Jährigen. Da war er nämlich plötzlich selbst wieder Kind, wenngleich mit Brieftasche eines Erwachsenen und einem satten Budget, welches er mit seinem Balg unbedingt auf den Kopf hauen wollte. Er freute sich diebisch, endlich jemanden zu haben, der mit ihm alle Fahrgeschäfte durchmachen wird, denn die meisten gleichaltrigen Erwachsenen begannen in seinem Alter schon mit dem Aufhören. Extra für diesen Volksfestbesuch hatte er die 13-Jährige sogar noch vermessen, denn ab 1,40 Meter Körpergröße darf ein Balg sogar in die rasantesten Überschlaggeschäfte, selbst wenn es erst fünf Jahre wäre.

Der Lichtenfelser hatte sich fest vorgenommen, die Welt um sich kreisen zu lassen, immer und immer wieder, und Geld sollte einfach keine Rolle spielen. Hach, was machte das Kind dazu für große erstaunte Augen. Und seine Antwort erst. Es sagte nämlich wörtlich: "Ach ne, bitte, bitte nicht." Der Lichtenfelser traute seinen Ohren nicht. Ihm wurde plötzlich unwohl mit einem ordentlichen Schwindel. Meine Güte - stand da wirklich ein Kind vor ihm?

Und wenn ja, was ist nur aus den Kindern geworden? Ist die Welt irre geworden, aus den Fugen geraten? Ist Bammel womöglich das neue Cool bei den heutigen Kids? Der Lichtenfelser machte dem Kind schwere Vorwürfe. "Was hätte ich früher nur darum gegeben, wenn da so ein schräger Erwachsener angekrochen gekommen wäre und seinen Geldbeutel sperrangelweit aufgemacht hätte. So was ist doch eigentlich ein Kindertraum, ein wahr gewordenes Märchen, ein Lottogewinn für Drei- bis 30-Jährige." Aber da war nix zu machen, das Balg blieb eisern und quatschte was von "ich trau mich nicht" und so.

So stand er da, der arme, arme Lichtenfelser. All die Lichter und der Glanz und der Duft und die Überschläge und Umdrehungen, vor allem die Überschläge und Umdrehungen, würde er nicht wie erhofft exzessiv teilen können. Alleine fahren wollte er aber auch nicht und so griff er zu einer List. Er erinnerte sich daran, dass das Kind an einem Stand Bubble-Tee ausprobieren wollte. Dabei handelte es sich um einen "Tee" mit im Grunde unsinnigen Kügelchen drin. Da man sich diesen Tee aber mittels Röhrchen zuführt, wird einem dadurch auch ein teuflisches Werkzeug in die Hände gespielt.

Er weihte das Kind in seinen Plan ein, der darin bestand, aus der Deckung eines Fahrgeschäfts (Breakdance) heraus die Bubbles in die Menge zu pusten und sich erst an den Einschlägen zu weiden und dann so aus der Wäsche zu schauen, als könne man nicht bis drei zählen. Eigentlich ein Plan, der bei Kindern von drei bis 30 Begeisterung auslösen sollte. Aber das Kind traute sich nicht so recht, und so griff der Lichtenfelser zu einer vertrauensbildenden Maßnahme. Er stieg zum Fahrgeschäft, verschanzte sich dort und schoss Dutzende Bubbles in die Menge. Das war an sich nicht schwer und selbst mit einer halben Lunge könnte man diese Kügelchen noch locker 15 Meter weit pusten. Insgeheim hoffte er natürlich, das Kind dazu verleiten zu können, die Bubbles zu zweit erst vom Breakdance und später mal vom 40 Meter hohen Sensationsüberschlagsdingsbums aus in die Menge zu schießen.

Aber der Plan war zu durchsichtig und das Kind ließ sich lediglich auf einen Kompromiss ein, der darin bestand, die ihre Kreise drehenden Festbesucher außerhalb eines Fahrgeschäfts mit den beim Einschlag aufplatzenden Bubbles zu beschießen und reichlich unschuldig dreinzublicken. Der arme, arme Lichtenfelser, ein Fahrgeschäft hat er an diesem Tag nicht bestiegen. Ich gebe zu, dieser Mann war ich und wie gesagt: Schützenfeste mit Kindern können einen ganz schön Nerven kosten.