Michael Busch Es sind Schilder, die Fragezeichen zurücklassen. Schilder, die im Landkreis Erlangen-Höchstadt und der Stadt Erlangen bei insgesamt drei Ortschaften an den Zufahrten zu entdecken sind.

Auf den ersten Blick scheinen es Ortsschilder zu sein. Hannberg, Kosbach und Steudach prangen in großen Lettern auf den Schildern, die sich von den echten Ortsschildern zunächst erst einmal lediglich in der Farbe zu unterscheiden scheinen. Grün statt dem bekanntem Gelb. Und wer genauer hinschaut, sieht, dass der kleinere Schriftzug nicht die Zugehörigkeit zum Landkreis oder der Stadt kennzeichnet; dort steht der Zusatz: "Verschwundenes Dorf".

Das ist genau der Moment, wo die Fragezeichen auftauchen. Denn auf erste Sicht scheint alles an seinem Platz. Die Wehrkirche thront in Hannberg über den Häusern, das Kosbacher Stadel steht direkt hinter dem Schild, wenn man aus Richtung Herzogenaurach kommt, die Steudacher Feuerwehr ist für den Notfall weiterhin am angestammten Platz.

In Hannberg lacht der Schulbusfahrer Emil auf: "Vermutlich ist das der fränkische Hambacher Forst, hier wird Braunkohle oder so was abgebaut, deswegen muss Hannberg verschwinden." Andere tippen auf einen Fehler in den Landkarten, dass dort die Gemeinde bei einer Neuauflage nicht berücksichtigt wurde, wieder andere denken, dass es ein politisches Zeichen ist, dass diese Ortsteile in die größeren Nachbarorte "einwachsen" und dann keine eigenständigen Ortsteile und Gemeinden mehr seien.

Villages disparus

Interessante Ideen, die ein paar solcher Schilder entwickeln lassen. Doch die Wahrheit ist in diesem Falle eine mit einem sehr ernstem Hintergrund, denn es geht tatsächlich um einen schrägen Teil der deutschen Geschichte. Der Erlanger Künstler Reiner F. Schulz wollte mit dem Projekt nämlich genau das schaffen, was nun tagtäglich eintritt: irritieren und neugierig machen. Und dass der Betrachter sich Gedanken macht zu der Aussage auf den Schildern.

Denn es geht um den 1. Weltkrieg. Bei diesen drei Dörfern und zwei weiteren (Kleingründlach und Neunhof) soll an die "Villages disparus" erinnert werden - an französische Dörfer, die während des Stellungskrieges zerstört und nicht wieder aufgebaut wurden.

Zur Motivation schreibt der Künstler: "Die Völkerverständigung in Europa war in den 70 Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg sehr erfolgreich, insbesondere die deutsch-französische kann als vorbildlich gelten. Europa muss sich neu erfinden, um die inner- und außereuropäischen Herausforderungen bewältigen zu können."

Der wachsende Nationalismus weltweit sei erschreckend. Jetzt sei es an der Zeit, um von der Völkerverständigung in die Phase des wachsenden Völkerverständnisses überzugehen. Der Künstler erklärt: "Um ein tieferes Verständnis für z. B. Frankreich, Polen oder Russland und deren Handlungsweisen zu erlangen, muss man sich mit unserer Geschichte auseinandersetzen. Die Kriege des 20. Jahrhunderts wurden von den Individuen naturgemäß unterschiedlich erlebt und sie leben naturgemäß unterschiedlich im kollektiven Bewusstsein der Nationen weiter."

Begleitende Ausstellung

In Frankreich weisen Schilder auf diese zerstörten Dörfer hin, Narben in der Landschaft, die oftmals eingezäunte Wäldchen sind und ehemals lebenswerte Orte waren. Narben in der Landschaft, die es so in Deutschland nicht gab.

Schulz hat nun die Überlegung angestellt, wenn dieser Stellungskrieg von 1914 bis 1918 in der Region Mittelfranken stattgefunden hätte, wie das die Landkarte verändert hätte. Dr. Reiner F. Schulz ist Mitglied im Bundesverband professioneller bildender Künstler Nürnberg. Tätig ist er als freischaffender Künstler und selbstständiger wissenschaftlicher Berater. Der 1954 in Duisburg geborene Künstler lebt und arbeitet in Erlangen.

Dort gibt es auch eine begleitende Ausstellung zu der Aktion. Vergangene Woche wurde diese offiziell in der Galerie Black Cube in der Apfelstraße 4 eröffnet. Noch bis zum 11. November wird die Ausstellung dort zu sehen sein.