Gerhard Deutschmann Es ist nicht einfach, eine so vielfarbige und einfallsreiche Komposition wie MEM 29 - Psalm 130 von Marcus M. Reißenberger gebührend zu beschreiben und zu würdigen. Es beginnt bei der Textvorlage, die nur wenige Kernsätze des Psalms herausgreift, aber dadurch umso intensiver ausdrucksmäßig beleuchtet.

Die Vertonung zeigt eine breite Ausdrucksskala vom Kontemplativen bis zum Hymnischen, die stilistische Breite reicht von der niederländischen Vokalpolyphonie bis zu avantgardistischen Techniken. Auch klassische Zitate wie das Scherzo-Thema aus Beethovens "Fünfter" (heimlicher "Gruß" an seinen im gleichen Konzert aufgeführten Kollegen?) sind geschickt eingebaut. Breite Klangflächen und barock angehauchte Zwischenspiele verströmen große Ruhe; umso eindrucksvoller wirken die wenigen gewaltigen Steigerungen.

Klanglich interessant ist die Behandlung des durch Harfe, Celesta und diverse Schlaginstrumente erweiterten Instrumentariums. Das Werk endet nach monumentaler Steigerung in strahlendem Dur.

Solisten, Chor und Orchester hatten in dem etwa 20-minütigen Werk anspruchsvolle Aufgaben zu bewältigen, denen sie in vollem Maße gerecht wurden. Man erlebte unter der kompetenten Leitung von Peter Stenglein eine dichte, eindrucksvolle Uraufführung dieser beachtenswerten Komposition, die Marcus M. Reißenberger seinen Eltern gewidmet hat und für die er und alle Mitwirkenden anhaltenden Beifall und stehende Ovationen erhielten. Sogar der Bayerische Rundfunk war mit einem Aufnahmeteam erschienen und wird das Werk zu gegebener Zeit ausstrahlen.

Persönliche Auseinandersetzung

In gleicher Besetzung bis auf die Zusatzinstrumente erklang zu Beginn des Konzerts am Sonntag die 1807 zum Namenstag der Fürstin Esterházy komponierte Messe C-Dur op. 86 von Ludwig van Beethoven. Sie wurde einst als zu neuartig und gegen alle Konventionen gerichtet abgelehnt. Heute hat man eine andere Sichtweise auf das zwischen Gebrauchs- und Konzertmesse stehende Werk und schätzt die persönliche Auseinandersetzung des Komponisten mit dem liturgischen Text.

Flehend beginnt das Kyrie im Wechsel von Chor und Soli, mächtig folgt das Gloria mit jähem Stimmungswechsel beim "Et in terra pax". Immer wieder haben Chor und Solisten klangvolle, dankbare Aufgaben. Der stark besetzte Bachchor beeindruckte bei stets sauberer Intonation durch vielfältigen Ausdruck und hohe Präzision, die es besonders in den bewegten Fugen zu beweisen galt.

Wegen etwas zu starken Tremolos der Sopranistin Anna Gütter klang das Solistenquartett nicht ganz homogen, war aber mit Stefanie Ernst (Mezzosopran), Milen Bozhkov (Tenor) und Michael Lion (Bass) aus ehemaligen und jetzigen Reihen des Landestheaters insgesamt vorzüglich besetzt.

Den Instrumentalpart bestritt das Philharmonische Orchester Landestheater Coburg in gewohnter Zuverlässigkeit und Qualität. Als spiritus rector war Peter Stenglein der überlegen und eindringlich gestaltende Dirigent dieses viel zu selten aufgeführten Werks, dessen packende Wiedergabe reichen Beifall erhielt.