Michael WEhner

Bamberg — Es gibt für die meisten Dinge einen richtigen Zeitpunkt - und einen falschen. Am Berliner Ring wurde vor gut einem Jahr zum Spatenstich für das neue BMW-Autohaus geladen, da hatte der Stadtrat den Verkauf des Grundstücks noch nicht einmal beschlossen. Und in der Wunderburg scheinen nun Pläne für über 100 neue Wohnungen den rechtlichen Erfordernissen vorzugreifen. Das Vorhaben für die Neubebauung des frei werdenden Sperber-Grundstücks soll Bambergs erstes Hochhausprojekt seit vielen Jahren werden. Doch es ist umstritten. Nicht nur wegen der Höhe. Auch der Bebauungsplan, der ein derartiges Projekt erlauben würde, fehlt noch.


Nachbarhaus mit 10 Geschossen

Wer sich am Ort des Geschehens umsieht, wird derzeit alles beim Alten finden. Noch bis Sommer 2018 nutzt das Autohaus Sperber das Gelände. Seit Jahrzehnten arbeiten die Mitarbeiter des Autohändlers in einem Umfeld, das von Wohngebäuden geprägt ist. Sie erreichen im Nachbarhaus nördlich davon zehn und im so genannten Ypsilon-Haus acht Geschosse.
Freilich: Die Ruhe trügt. Was geschehen könnte, wenn das Autohaus an den Berliner Ring umgezogen ist, bringt manchen Anwohner heute schon um den Schlaf. "Auf dem Grundstück soll ein riesiger Kasten mit neun Stockwerken entstehen, eine Bausünde. Das würde nicht nur den Charakter der Wunderburg zerstören.
Viele Anwohner hätten im Winter auf ihrer Südwestseite keine Sonne mehr, von der Wertminderung vieler Wohnungen ganz zu schweigen", schimpft Hans-Joachim Schiffmeyer. Er wohnt in der Hans-Böckler-Straße wenige Meter östlich des Kunigundendamms. Dass für das Projekt bereits seit Monaten geworben wird, obwohl das Sperber-Gelände noch als Gewerbegebiet deklariert sei, findet Schiffmeyer "skandalös". Tatsächlich scheinen die Überlegungen, hier eines der größten Wohnhäuser der Stadt zu errichten, weit gediehen. Zwei Mal war die Bamberger Klappan-Gruppe bereits im Stadtgestaltungsbeirat. Das Expertengremium, das den Stadtrat in städtebaulichen Fragen unterstützt, erteilte den Plänen für bis zu neun Stockwerke zuletzt Anfang Juli seinen Segen. Von einer "gelungenen Staffelung der Geschosse" , von einer "Adressbildung zum Kunigundendamm" und einem "selbstverständlichen Einfügen in den städtebaulichen Kontext" ist im Protokoll der Sitzung die Rede.


116 neue Wohnungen

Dass die Investoren das rund 5000 Quadratmeter große Grundstück nicht erworben haben, um darauf eine Reihenhaussiedlung zu errichten, wundert niemanden. Peter Klappan spricht von 116 Wohnungen, die in acht Vollgeschossen samt einem möglichen, zurückgesetzten neunten Stockwerk geschaffen werden sollen. Klappan macht keinen Hehl daraus, dass sich für die Nachbarn die Perspektive in den nächsten Jahren deutlich ändern wird. Um eine Verdichtung komme man nicht herum, die Sicht werde zugebaut. Aber: "Ein Hochhaus ist das nicht", sagt Klappan. Man muss hinzufügen: Nach der bayerischen Bauordnung beginnen Hochhäuser ab 22 Metern, was ein neuntes Geschoss wohl ausschließen würde.


Was sagt der OB?

Auch Bambergs OB Andreas Starke (SPD) hat der Hilferuf aus der Wunderburg bereits erreicht. Er verweist die Bürger auf das gesetzlich vorgeschriebene Beteiligungsverfahren, das voraussichtlich im Spätherbst beginnt. Es ermöglicht, Anregungen und Bedenken zu formulieren, die von der Verwaltung gewürdigt werden müssen.
Doch ist die Bamberger Wunderburg der richtige Standort für ein neues Hochhaus? Schon heute zeichnet sich im Stadtrat eine höchst unterschiedliche Einschätzung dieser Fragestellung ab. Seit vielen Jahren hat der Stadtrat kein Hochhaus in Bamberg mehr genehmigt. Zuletzt scheiterten irische Investoren, die auf der Erba vielgeschossige Wohntürme errichten wollten.
Ursula Sowa, Fraktionschefin der Grünen und von Beruf Architektin, fordert als Auflage für den Bau des neuen Hauses einen 30-prozentigen Anteil von preislich gebundenen Wohnungen. Mit der Ausprägung des massiven Baukörpers hat sie nach den Änderungen, die vom Stadtgestaltungsbeirat empfohlen worden waren, keine Probleme. Das Haus füge sich städtebaulich ein, unterschreite die geforderten Abstände und orientiere sich auch von der Höhe an der umgebenden Bebauung. Die Ängste der Nachbarn sind aus Sowas Sicht unbegründet. "Wo, wenn nicht hier, kann in Bamberg hoch gebaut werden?"


Ein Haus nimmt die Sonne

Doch natürlich gibt es auch die diametral andere Sichtweise. Andreas Triffo vom Bürger-Block zum Beispiel sieht die Dinge weit weniger euphorisch. Die jetzt gefundene Lösung sei von der Gestaltung ausschließlich auf den Kunigundendamm ausgerichtet. Für die Bewohner dahinter verstelle der massive Riegel den Blick auf das Grün am Kanal und die Sonne. Triffo, Mitglied im Stadtgestaltungsbeirat, spricht von einer schlechten Lösung: "Städtebaulich ist das nicht in Ordnung."