"Ich hatte das Gefühl, er singt nur für mich." Romantisch-verklärt schwärmt die Witwe aus Hallstadt über einen Mann von kleiner Statur, der sich wenige Meter vor ihr aufgebaut hatte. Allein und verlassen stand er dort oben auf der Bühne, nur von zwölfsaitiger Gitarre, einem Flügel und Mikrofonständer umgeben. So geht's auch. Ohne viel Brimborium. Chris de Burgh solo - fast zwei Stunden lang schwelgten rund 2800 Besucher in Träumen von Frieden, Liebe, Fernweh.
Ver- und geführt von einem fast 70-Jährigen und dessen einzigartiger Stimme.


Textsicheres Publikum

Mit "Far beyond these castle walls" begann 1974 die Karriere des Iren, 44 Jahre später stand er vor den Schlossmauern in "Irish Hof" (Eyrichshof), eine Eselsbrücke, die dem sympathischen Sänger und Komponisten erkennbar Freude bereitete, so dass er sich über die Geschichte des Adelssitzes wie auch die Sage um das Eberner Wappentier, den halben Eber, informierte.
Fast 100 Euro hatte die Hallstadterin für den Platz in Reihe 3 bezahlt. Sie bereute keinen Cent. "Einem berühmten Mann so nahe zu sein, und jede seiner Gesten zu sehen, das war es wert."
Ringsum saßen noch mehr solcher Schwärmer. Die kannten jedes Lied, sangen jeden Text von vorne bis hinten mit. Jede Textzeile hätten sie bedingungslos unterschrieben: "Missing you", "Tender hands", "A woman's heart". Selbst als ausgerechnet bei "Waiting for the hurricane" ein kurzer Regenschauer aufzog, verharrten sie andächtig auf ihren Plätzen. Aber die Gewitterfront wollte diesen stimmungsvollen Abend nicht vermiesen und verzog sich.


Eine Frage der Frisur

Artig der Beifall, als Chris de Burgh beim Hinweis auf sein aktuelles Album "A better world" den Titel in Frage stellte und dies mit einem Mann aus Amerika in Verbindung brachte, der in einer Minute Ja sagt, um wenig später ein Nein hinterherzuschieben. "Das hängt vielleicht mit seiner Frisur zusammen", mutmaßte der Künstler, um kurz darauf seine wundervolle Anti-Kriegs-Hymne "Borderline" anzustimmen.
Das war der Moment, da sich viele im Publikum erhoben, um ihre Wertschätzung zu bekunden. Danach gab es nicht mehr viel Gelegenheit, den Sitzplatz zu nutzen. Ab "The Revolution" strömten die Massen vor die Bühne. Der zurückhaltende Hauptakteur quittierte es mit einem milden Lächeln. Es schien ihm aber nicht unangenehm.
Das Repertoire zog sich durch alle Schaffensperioden Burghs, wobei ihm experimentelle Ausflüge nicht nachgesagt werden können. Es blieb seiner Linie, treu. "So ein Soloauftritt hat den Vorteil, dass ich die Lieder so präsentiere, wie ich sie komponiert habe - am Klavier oder an der Gitarre, ehe wir ins Studio gingen und sie von anderen Musikern verhunzt wurden", witzelte der Star, der weltweit 45 Millionen Tonträger verkauft.
Nur einmal griff er auf ein Playback zurück. Das hatte seinen Grund. Chris de Burgh stieg von der Bühne herab, suchte das Bad in der Menge und marschierte für seine Suche nach der "Lady in Red" durch die Stuhlreihen, die längst ihren Dienst quittiert hatten.