In der Advents- und Weihnachtszeit gehört Kerzenlicht zum festen Bestandteil festlicher Dekorationen. Es ist nicht nur eine natürlich anmutende Lichtquelle. Kerzen verbreiten auch wohlige Wärme. Ungefähr 35 Prozent der Kerzenkäufe werden in der Weihnachtszeit getätigt.

Aufgrund ihres hohen Preises waren Bienenwachskerzen lange Zeit vor allem der Kirche und dem Adel vorbehalten. Der Preis für Wachs betrug im Mittelalter etwa das Zehnfache von Fleisch. Kirchen konnten sich so etwas leisten, zumal es einige Möglichkeiten gab, relativ günstig an das begehrte Wachs zu kommen. In den Häusern der einfachen Leute brannten früher zumeist Kerzen aus Talg und Fett.

Wachsstrafen

Jahrhunderte war die Abgabe von Wachs ein kostspieliges Opfer reuiger Sünder. Ein häufiger Wachslieferant war beispielsweise in Zeil die Steinhauerzunft. Da sich die Zünfte als eine Art Bruderschaft verstanden, waren sie mit ihren Mitgliedern über deren irdische Existenz hinaus verbunden. So ließen sie Seelenmessen für verstorbene Mitglieder lesen. Wachs war die gängige Strafe bei Verstößen gegen die Zunftordnung. Zu Kerzen gegossen sorgte das Wachs dann bei den Gottesdiensten und Jahrtagen für eine stimmungsvolle Beleuchtung der Kirche.

Wie der Zeiler Familienforscher Heinrich Weisel, der die Steinhauer-Familien besonders untersuchte, herausfand, mussten die berühmten Zeiler Baumeister Andreas Kessler und Melchior Kurtz, nach denen zwei Straßen benannt sind, wegen einer tätlichen und mündlichen Auseinandersetzung mit ihren Gesellen und Handwerksmeistern 1684 und 1708 Geld für Wachskerzen an die Bamberger Handwerkszunft entrichten.

Vor der Hochzeit geschwängert

In Haßfurt achteten die Fischer penibel auf die Moral ihrer Zunftgenossen. Als ein junger Fischer 1754 "vor seiner Copulation sich mit seiner Brauth in etwas verdächtig gemacht, und dieselbe impraegnirt", das heißt vor der Hochzeit geschwängert hatte, wurde er von seiner Zunft zu einer Strafe von einem halben Eimer Wein und zwei Pfund Wachs verdonnert.

1641 legte der Stadtrat in Zeil Einspruch gegen eine demütigende Kirchenstrafe ein. Der Schreiner Kunz Falk hatte den lieben Gott derart mit Fluchen und Schwören gelästert, dass der Pfarrer ihn an den Pranger vor der Kirchentüre - andern zur Abschreckung - stellen wollte. Weil es das erste Mal war und "weilen es eine große Schand und Spott" wäre, hielten es die Ratsherren jedoch für ausreichend, ihn stattdessen mit einer Gefängnisstrafe sowie zwei Pfund Wachs für die Kirche abzustrafen.

Am Sonntag gearbeitet

Die Zeiler Schneidermeister Hans Lämblein und Caspar Leisentritt waren 1742 von der Geistlichkeit im Rathaus angezeigt worden, weil sie an Feiertagen gearbeitet hatten. Während der Stadtrat eine Wachsstrafe für angemessen hielt, setzte der Pfarrer jedoch eine Kerkerstrafe durch. Der junge Ziegelangerer Bärninger musste 1702 wegen seines Mutwillens in der Kirche drei Pfund Wachs ins Zeiler Pfarrhaus tragen. Dagegen brauchte der Zeiler Bernard Kaplan für den Unfug, den er in der Kirche getrieben hatte, nur ein Pfund Wachs ans Gotteshaus zu geben.

Als im 19. Jahrhundert Wachsstrafen nicht mehr üblich waren, versuchte die Kirche durch Haussammlungen das kostbare Wachs zu beschaffen. Zwischen 1883 und 1906 wurden in Zeil, Schmachtenberg und Ziegelanger die herkömmlichen Wachssammlungen für die ewige Anbetung und das heilige Grab vorgenommen. Es waren die beiden Kirchendiener, welche von Haus zu Haus gingen. Solche Sammlungen waren noch bis in die 1930er Jahre üblich.

Das Tropfwachs und die nicht mehr zu gebrauchenden Kerzenreste galten wie in Zeil während des Ersten Weltkrieges allerorts als Eigentum der Kirche. Die Zeiler Kirchendiener hatten die Reste sorgfältig zu sammeln und zu verwahren. Sie mussten auch darüber wachen, dass von den Wachskerzen keine Teile, auch nicht die Tropfen an den Kerzen, von Ministranten oder anderen Kindern entwendet werden.

Ein Stück vom alten katholischen Volksglauben sind die Votivgaben mit Wachsfiguren. In den 1950er Jahren waren Arme und Beine aus Wachs im Zeiler Käppele noch vor dem Marienaltar zu sehen, was eine Fotografie belegt.

So stellte man sich mit seinen Krankheiten dem Himmel und seinen Heiligen anheim und sparte sich den Arzt und die Medikamente. Die wächsernen Gliedmaßen sollten den Heiligen zeigen, wo es weh tut bzw. was beschädigt ist. Die heute in der Votivkammer des Käppele zu sehenden "Wachsfatschenkinder" erinnern an die hohe Kindersterblichkeit in früherer Zeit und an wunderbare Heilungen.

Kerzen in "Kirchenkerzenqualität" brennen heute ruhig und rußarm. Früher haben stark rußende Kerzen in den Gotteshäusern an Wänden, Decken, Fresken, Holz und Gemälden Ruß hinterlassen und Schäden verursacht. Denn: Kerzen waren bezüglich der Verrußung früher der "Diesel in den Kirchen". Als 1957 das Innere der Zeiler Michaels-Kirche renoviert wurde, musste die Haßfurter Firma Kehl neben den Bänken auch die mittlerweile durch Kerzenruß verschwärzte Kanzel ablaugen, um den ursprünglichen Holzton wieder sichtbar zu machen.

Nach einer kirchlichen Vorschrift von 1862 sollten zum liturgischen Gebrauch ausschließlich Wachslichter verwendet werden. Man berief sich dabei auf ein päpstliches Dekret von 1821. Das bischöfliche Ordinariat Würzburg machte darauf aufmerksam, dass "in neuerer Zeit dem Bienenwachs mancherlei fremdartige Surrogate, namentlich das aus Braunkohle gewonnene billigere Paraffin beigemischt werde." Der Mangel an Rohwachs zur Herstellung von Kirchenkerzen machte sich besonders während des Ersten Weltkrieges bemerkbar. 1916 befürchtete das Ordinariat, dass die Wachszieher in absehbarer Zeit keine Kerzen mehr herstellen und liefern könnten. Daher ordnete das Ordinariat im Kriegsjahr 1917 an, dass, soweit es die gottesdienstlichen Handlungen und die Aufrechterhaltung der Ordnung und Sicherheit in den Kirchen zulassen, der Wachsverbrauch einzuschränken ist. Die Kirchenvorstände mussten darauf achten, dass in den Wallfahrtskirchen oder vor beliebten Votivbildern das Anzünden der geopferten Wachskerzen unterbleibt.

Dokumentiert ist die Not auch in einer Anzeige aus dem letzten Kriegsjahr 1918, als der Haßfurter Wachszieher Anton Reinhardt inserierte, dass er jeden Posten Bienenwachs zu den höchsten Tagespreisen kaufe.

Wundervolle Stimmung

Als es noch kein elektrisches Licht gab, trugen bei Frühmessen Kinder in der dunklen Jahreszeit Wachskerzen in die Kirche. Ein Haßfurter schwärmte 1934 rückblickend von den vorweihnachtlichen Rorateämtern. Die Kinder brachten selbstgefertigte Wachslichter mit, die sie auf Kirchenbänke stellten.

Im Kirchenjahr gab es viele Anlässe, das Kerzenlicht leuchten zu lassen: Als die Wallfahrtskirche Maria Limbach 1927 auf ihr 200-jähriges Bestehen zurückblickte, trugen die Leute bei einer Lichterprozession um das Gnadenbrünnlein rund 1000 Kerzen. Anlässlich der Christkönigs-Prozession hielt 1955 in Zeil der größte Teil der 2000 Prozessionsteilnehmer brennende Kerzen in den Händen.

Der weit verbreitete Gedenkritus an Allerheiligen und Allerseelen, Wachslichter auf die Gräber zu setzen, besitzt einen tiefreligiösen Hintergrund. Der Lichterschmuck soll an Jesus Christus, das wahre Licht, erinnern und die Grabbesucher ermahnen, ein Gebet für den Verstorbenen zu sprechen.

Ab dem zweiten Kriegsjahr 1915 war die Beleuchtung der Friedhöfe an Allerheiligen jedoch untersagt. Das bischöfliche Ordinariat wandte sich an die Gläubigen, den Gebrauch von Kerzen, Lichtern, Öl und Petroleum zur Kirchhofsbeleuchtung zu unterlassen oder doch aufs äußerste zu beschränken. Während des 2. Weltkrieges waren Lichter an Allerseelen wegen der angeordneten Verdunkelung verboten, um feindlichen Flugzeugen keine Orientierung zu geben.