Zum Artikel "Baumgärtner: Es geht nur gemeinsam" vom 27.07.2018:

Nun hat MdL Baumgärtner die Mär vom Autobahnanschluss des Landkreises Kronach und den sich daraus zwangsläufig ergebenden Investitionsentscheidungen der Unternehmen ein weiteres Mal aufgewärmt. Seit 50 Jahren wird nun schon den Kronacher Bürgern von den verflossenen und aktuellen Landtags- und Bundestagsabgeordneten eine schnelle Anbindung an die urbanen Zentren vorgegaukelt. Die Ergebnisse sind eher bescheiden geblieben: Nur Neuses hat eine Schnellstraße in das urbane Kronach erhalten.
Die Argumentation für die Notwendigkeit des Ausbaus der Bundesstraße B 173 ist auch seit Jahrzehnten dieselbe: Standortnachteile für die hiesige Industrie. Vor der Wiedervereinigung im Jahre 1989 wäre eine bessere Verkehrsanbindung aufgrund der Randlage wünschenswert gewesen. Nachdem der Landkreis Kronach nach Aussage eines früheren Landrates dadurch "in die Mitte Europas" gerückt war, hätte man hoffen können, dass sich die wichtigen Straßen und Schienen bei uns kreuzen würden. Das Gegenteil ist aber der Fall. Die Schnellbahnverbindungen entfernen sich vom Landkreis und der lokale Straßenausbau musste wegen des "Aufbaus Ost" eine lange Pause einlegen.
Trotz all dieser widrigen Umstände hat sich der Industriestandort Kronach gut behauptet und nimmt auch weiterhin in Bayern eine Spitzenstellung ein. Das ist aber weniger ein Verdienst der lokalen Landes- und Bundespolitiker als vielmehr der im Landkreis ansässigen familiengeführten Unternehmen, die es durch eine weitsichtige Unternehmensstrategie schafften, auch ohne ideale Verkehrsanbindung ihre Unternehmen im weltweiten Wettbewerb hervorragend zu positionieren. Und dies wird auch hoffentlich zum Wohle des Landkreises so bleiben.
Dem Bund Naturschutz kann daher wegen seiner Haltung um den Ausbau der B 173 bzw. B 303 keine Schuld für eine eventuelle Verschlechterung der wirtschaftlichen Entwicklung in der Region Kronach untergeschoben werden. Im Gegenteil: Der Bund Naturschutz sensibilisiert die überwiegend technokratischen Behörden und die zumeist wachstumsgläubige Bevölkerung für Belange der Umwelt, die, wie wir immer mehr merken (hier: zweifelhafter Landverbrauch), einen höheren Rang bei verkehrspolitischen Entscheidungen einnehmen müssten. Und wenn der Bund Naturschutz dazu die Gerichtsbarkeit bemühen muss, so ist das keine ideologisch geprägte Blockadestrategie, sondern legitimer Anspruch und Ausdruck eines funktionierenden Rechtsstaates. Und wer dies nicht anerkennt, bewegt sich in der seehoferischen Ideologie, der allerdings erst kürzlich durch eine bemerkenswerte Demonstration in München eine deutliche Absage erteilt wurde.
Eine Option der von MdL Baumgärtner favorisierten Straßenmobilität wäre der im Artikel überhaupt nicht erwähnte Schienenverkehr. Wenn es um die kurzen Wege zum Arbeitsplatz in einer der urbanen Zentren gehen soll, ist das sicherlich die bessere Alternative. Dafür wäre es aber notwendig, die Abfahrtszeiten z.B. von Kronach nach Bamberg und Nürnberg zu optimieren. In umgekehrter Richtung funktioniert dies bereits.
Viele Ingenieure, die hier in Kronach beschäftigt sind, pendeln von Bamberg nach Kronach. Die sind allerdings aufgrund des Vertrauensarbeitszeitmodells nicht auf die Abfahrtszeiten der Bahn angewiesen. Und wenn der Aufwand für die Rückholung auswärtiger Kronacher zu groß sei, wie MdL Baumgärtner schreibt, sollte man vielleicht diesem Personenkreis eine Wohnsitzänderung schmackhaft machen.
Fazit: Es ist also, wie die erfolgreiche Industriegeschichte des Landkreises zeigt, nicht eine ideale Verkehrsanbindung für den wirtschaftlichen Erfolg des Landkreises Kronach notwendig, sondern ein kreatives, innovatives Potenzial der Landkreisbürger, die es verstehen, sich den Marktveränderungen flexibel anzupassen. Zudem gilt es, das Kronacher Land nach außen attraktiv erscheinen zu lassen, was, wie man feststellen muss, weniger von den Politikern als vielmehr von den lokalen NGO's geleistet wird. Dazu gehört auch der Bund Naturschutz, der mit seinen vielfältigen Aktivitäten eine Bereicherung des gesellschaftlich-ökologischen orientierten Lebens darstellt.
Man sollte daher opponierende Verbände nicht in einer Weise diskreditieren, die das eingeforderte gemeinsame Handeln verbal untergräbt.
Hans Götz
Kronach