Carolin Herrmann

Die Verhältnisse nach dem Großen Krieg sind nicht schön, dabei können sich die Menschen noch nicht vorstellen, dass es schon bald sogar zu einem zweiten großen Krieg kommen wird. "Alle schienen etwas oder jemanden zu suchen, alle waren verkrüppelt, auch die, die nicht auf dem Schlachtfeld gewesen waren, auch die Kinder, auch die Frauen." Unter der "ganzen Wucht der Sinnlosigkeit", die sich nach dem Zerbröseln von Kaisern, Ordnungs- und Glaubenssystemen in Europa auftat, neigen die Menschen zu absonderlichen Entscheidungen. Kein Wunder, dass sich der Horror des Nationalsozialismus abzuzeichnen beginnt.
In solch extreme Zwischenzeit schaut eine junge österreichische Autorin, die wir beim Roman-Marathon zum Auftakt der 15. Coburger Literaturtage entdecken dürfen, Irene Diwiak. - Aber nein doch, die junge Grazerin ist witzig, hat Sinn fürs Skurrile und will uns nicht eintunken in naheliegenden Trübsinn. Im Gegenteil, ihr Debütroman "Liebwies" hat es humoresk in sich, kommt der Wirklichkeit vielleicht eben deshalb verteufelt nah.
Irene Diwiak hat auch Judaistik studiert; und stimmt, etwas von diesem lakonischen Witz der Hoffnungslosigkeit, der einem zum Glucksen bringt, scheint eingeflossen in ihre irre Geschichte und in die sarkastische Art ihres Erzählens.
Ein verbitterter alter Musiklehrer, Walter Köck, mit halber Nase verspätet aus dem Krieg zurückgekehrt, kauft eine Fahrkarte ins alpine Irgendwo, zumal seine Frau schon für Ersatz gesorgt hat. "Er hatte die ganze Sentimentalität des Staates in sich aufgesaugt, um auch einmal etwas zu empfinden."
Völlig unerwartet findet er in dem so völlig vergessenen Bergdorf namens Liebwies, wo ihn die Leute halt Schreiben und Rechnen unterrichten lassen, wenn sie nichts Besseres zu tun haben, was in ihrer Not eher selten der Fall ist, eine engelsgleich singende junge Frau. Er unterrichtet sie und zerrt einen alten Bekannten her, Wagenrad, der als einflussreicher Musikexperte gilt, um ihm die Begabung bei einem Dorfkonzert vorzuführen.


Sie singt schön, ist aber hässlich

Doch die junge Frau ist hässlich, und Wagenrad sieht nur ihre schöne Schwester Gisela. Obwohl die ausgesprochen mäßig singt, nimmt er sie gleich mit, um sie zum Star aufzubauen.
In einer weiteren Geschichte verbietet ein eitler Schriftsteller, der jetzt die ultimative Oper schreiben will, seiner begabten jungen Frau Ida das Klavierspielen und das Komponieren.
Wie es kommt, dass Idas heimlich geschriebene Musik, gestohlen von ihrem Mann, zu Gisela Liebwies kommt, die darin als "Gräfin der Stille" ein einziges Liedchen singt, ob ihrer atemberaubenden Erscheinung aber zur großen Diva stilisiert wird, und welch großes Gelächter entsteht, als sich die beiden klar denkenden und trotz aller Missachtung klar fühlenden Frauen begegnen, wird zu einer höchst vergnüglichen Reise durch ein Panoptikum.


Die Missachtung der Seelen

Aus vielen skurrilen Seitengeschichten, literarisch leichtfüßig daher springend, treten trotz aller Süffisanz einfühlsam gezeichnete Figuren hervor. Alles verwebt sich zu einem Klang- und Bilderteppich des Lebens, voller Sehnsüchte, alltäglicher Verachtung der in den Seelen angelegten Schönheit, voller dem Individuum willfahrender Ungerechtigkeit und Aberwitz. Dass einiges davon durchaus ein bisschen bösartig ist - ha, bei der Autorin handelt es sich schließlich um eine Österreicherin.
Einmal mehr fragt man sich bei Irene Diwiak, wie solch altersklare Einsicht in einen solch jungen Menschen kommt. Und dabei auch noch auf erfrischendes erzählerisches Talent trifft.


Irene Diwiak: Liebwies. Roman. Deuticke im Paul Zsolnay Verlag Wien, 335 Seiten, 22 Euro.