"Kirche am Ende? Und wir auch?" Provokante Fragen, mit denen Monsignore Wolfgang Witzgall seinen Vortrag bei der Herbstversammlung des katholischen Männervereins Casino Altenkunstadt betitelt hatte und die er am Ende seiner Ausführungen mit einem klaren Nein beantwortete. Der Landes- und Diözesanpräses für die Männerarbeit sieht in der Krise der Kirche vielmehr eine Chance für einen Neuanfang. "Die Kirche ist erst dann am Ende, wenn wir es sind", betonte er.

Allerdings braucht die Kirche nach den Worten Witzgalls mehr Gemeinsamkeit. In jeder Gemeinde gebe es Menschen mit verschiedenen Talenten, die gefördert werden müssten. "Nur wenn alle zusammenarbeiten und sich einbringen, funktioniert Kirche", erklärte der Referent. "Wer zum Priester geweiht ist, ist zum Diener einer Gemeinde geweiht, nicht zu deren Herrn."

Der Klerikalismus in der Kirche habe diese in die Krise geführt. "Es darf nicht die Geweihten oben und die Laien unten geben. Alle gehören zusammen und sind gleichermaßen wichtig." Priester hätten eine spezielle Aufgabe, dies mache sie jedoch nicht zu besseren Menschen. Kirchliche Vereine wie Männergemeinschaften und Frauenkreise sind nach Aussage Witzgalls für eine Gemeinde von besonderer Bedeutung. Es komme dabei nicht darauf an, bei jedem Treffen dabei zu sein. "Wichtig ist das Gefühl, dass wir uns einsetzen, jeder mit seinen Fähigkeiten, und dass wir alle zusammengehören."

Im Verlauf seiner Ausführungen kam der Referent auf den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche zu sprechen. Die deutschen Bischöfe hätten sich bei ihrer Herbst-Vollversammlung Ende September in Fulda mit den Ergebnissen der von einem unabhängigen Forschungskonsortium ausgearbeiteten Studie "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz" beschäftigt. "Die schockierenden Ergebnisse zeigen uns Bischöfen die Verantwortung zu verstärktem Handeln und die Pflicht, den Betroffenen Gerechtigkeit zuteil werden zu lassen. Sie zeigen auch institutionelles Versagen. Wir Bischöfe stellen uns dem Ernst der Stunde", heißt es in der Abschlusserklärung der Deutschen Bischofskonferenz.

Basierend auf dieser Studie sind Witzgall zufolge Konsequenzen angekündigt worden, die zeitnah umgesetzt werden sollen. So werde man mehr als bisher die Begegnung mit den Betroffenen suchen. Für die Aufarbeitung, die die Bistümer angehen wollen, bräuchten sie die Hilfe der Betroffenen wie auch die externer Fachleute. In der Führung der Personalakten von Klerikern solle eine Standardisierung erarbeitet werden, und zusätzlich zu den diözesanen Ansprechpersonen für Fragen sexuellen Missbrauchs wolle man externe, unabhängige Anlaufstellen anbieten. Darüber hinaus werde ein verbindliches überdiözesanes Monitoring für die Bereiche der Intervention und der Prävention eingerichtet. "Wir haben weiterhin die Chance, Kirche zu sein. Alle Getauften sind Kirche, nicht nur zu Priestern geweihte Männer. Und wenn wir uns das bewusst machen, dann geht Kirche weiter, dann blüht Kirche", fasste Monsignore Wolfgang Witzgall zusammen. Bernd Kleinert