No, so wos, a richtichä Überraschungsbrief und a großa Freud! Neulich wurde mir über die Lokalredaktion des FT ein Schreiben aus München zugestellt. Von einer Frau, die vor mehr als 70 Jahren meine Mitschülerin gewesen war, und die ich seit 1945 nicht mehr gesehen habe.
In den 50er Jahren, so schreibt sie, ist sie mit ihrem Mann, der später ein Bamberger Mundart-Wörterbuch herausgegeben hat, nach München gezogen. Dort liest sie täglich den FT und aa mei Gschichtla. Erst durch das Foto hat sie mich identifiziert, mein Name ist ja ein völlig anderer als damals - an der Hauptschule.
Ja, die Hauptschule! Diese Schulform wurde 1942 in der Zeit des Nationalsozialismus gegründet und zwar für Buben und Mädchen, die gute Noten hatten, aber nach der 4. Klasse nicht in eine Höhere Schule übertraten, die damals Schulgeld kostete. Das ging ganz automatisch - Eltern und Kinder wurden überhaupt nicht gefragt. Neu für uns Mädchen war, dass wir fast in jedem Fach einen anderen Lehrer hatten: Frauen und auch Männer. Die hatten alle eine gute Qualifikation, vor allem aber mussten sie überzeugte Nazis sein. Beim Betreten des Klassenzimmers riefen sie mit ausgestrecktem Arm den Hitlergruß - die Schüler sprangen auf und hatten ihn genauso zu beantworten. Lediglich der sympathische Englischlehrer tat sich schwer damit.
Alle, aber auch alle Fächer wurden durch die nationalsozialistische Brille gesehen: Die Textaufgaben im Rechnen befassten sich mit verkauften Winterhilfswerk-Abzeichen oder mit Fettzuteilungen in Gramm. Am Samstag war Schule bis 13 Uhr und da wurde auch das Thema des wöchentlichen Hausaufsatzes bestimmt: "Wir sammeln Altpapier für den Führer" oder "Spinnstoffe sichern den Sieg", Abgabe am Montagvormittag! Richtig gebimst wurde man im Turnen: "Hart wie Kruppstahl!"
Eines Tages sollten wir während des Unterrichts eine Liste mit Fragen ausfüllen über Familie, arische Abstammung, Beruf des Vaters und Mitglied der NSDAP. Da konnte ich kein "Ja" hineinschreiben. Ich ließ die Spalte leer. Die Deutschlehrerin, 120-prozentige Nationalsozialistin, mahnte mich am nächsten Tag: "Du hast vergessen, bei der NSDAP ein Ja hineinzuschreiben, wie alle deine Klassenkameradinnen!"
Bei uns zu Hause wehte nämlich ein ganz anderer Wind: Meine Eltern hatten bewusst kein Radio angeschafft, weil sie die Führer-Reden und die Nazi-Propaganda nicht hören wollten und auch wegen ihrer Kinder. Als der Neffe meiner Mutter als 22-jähriger Soldat in Stalingrad durch Kälte und Hunger ums Leben gekommen war, sprach sie von Hitler nur noch als von "diesem Verbrecher" Mein Vater hatte mir eingeschärft, dass ich von solchen Reden absolut nichts verlauten lassen dürfte: "Sunst wern die Muttä und iich vo deä Gestapo obgholt, und du und dei Brudä kummt nei an Nazi-Erziehungslager!"


Der Zunge nicht gehorcht

Da wurde mir heiß und kalt: Och Gottla, wos mach ich? Lügen - geht nicht! Die Lehrerin erwartete einen gut formulierten Satz. Sollte ich sagen: "Mein Vater hat aber andere Ansichten" oder "er ist anderer Meinung als die Partei"? Zum Glück gehorchte mir meine Zunge nicht und ich brachte gerade noch ein "Nein" heraus.
Die Lehrerin schaute mich streng an und ging dann kopfschüttelnd weiter. Welch entsetzliche Folgen hätte so eine Antwort für meinen Vater haben können! So hat gewissermaßen meine "gelähmte Zunge" den Vater gerettet!