matthias Einwag

Johannes Grandinger war ein katholischer Pfarrer, der es einst auf die Titelseiten namhafter Satirezeitschriften schaffte. Ein Liberaler in schwarzer Soutane, der eine Periode (1907 - 1911) als Abgeordneter dem Bayerischen Landtag angehörte. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das ein Novum. Den Lebenslauf Grandingers (1869 - 1941) hat der Historiker und Archivar Elmar Kerner der Vergessenheit entrissen. In jahrelanger Forschungsarbeit entstand seine Doktorarbeit, die nun auch als Buch vorliegt: Der "weiße Rabe" Johannes Grandinger .
Ein Pfarrer im Landtag. Als parteiloser Liberaler zumal. Was konnte der schon ausrichten? Elmar Kerner sagt, Grandinger sei als Sozialpolitiker und Abgeordneter des Wahlkreises Naila sehr aktiv gewesen. "Die Ausnahmeerscheinung Grandingers rührt daher, dass er der einzige christliche Sozialpolitiker als Kleriker ist, der sich vom politischen Katholizismus deutlich distanzierte." Er habe sich in der Öffentlichkeit zum Liberalismus bekannt und "die gängigen Tabus und Feindbilder durchbrochen". Vor dem Hintergrund des tobenden Kulturkampfes zwischen Katholizismus und Liberalismus sei das etwas Außergewöhnliches gewesen.


Klöppelschule gegründet

Als Pfarrer von Nordhalben (1900 - 1913) im Frankenwald, der zu jener Zeit eine Hochburg des Liberalismus gewesen sei, versuchte Grandinger seine politischen Ziele umzusetzen. Um Erwerbsmöglichkeiten für seine notleidenden Pfarrangehörigen zu erschließen, wurde auf seine Initiative hin die Spitzenklöppelei eingeführt und 1907 eine Klöppelschule gegründet.
Als Abgeordneter "wird Grandinger in ganz Deutschland zur Sensationsfigur", sagt Elmar Kerner. Er habe sich dazu bekannt, dass man als guter Christ auch liberal wählen kann. Trotz seines sozialpolitischen Engagements sei Grandinger zeitlebens primär Seelsorger und nicht Politiker gewesen. Er habe Anschwärzungen ertragen müssen, doch Verfehlungen konnte ihm niemand nachweisen.
Der große Bekanntheitsgrad, den Grandinger zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte, lasse sich durch das Medieninteresse belegen. Eduard Thöny und Olaf Gulbransson widmeten dem liberalen Pfarrer etliche Karikaturen. Eine dieser Zeichnungen schaffte es am 24. Juni 1907 aufs Titelblatt des "Simplicissimus": Grandinger sitzt als "weißer Rabe" ganz allein auf einem Feld und wird von Dutzenden schwarzer Raben argwöhnisch beäugt.
1922, als Pfarrer von Buttenheim (1913 - 1934), kam er ins Fadenkreuz der Nazis, wurde auf Aushängen als "Judenpfaffe" und "Judengeldpeutel" tituliert - und am Buttenheimer Pfarrhaus detonierte sogar eine Pulverladung, die Grandinger galt.
"Er war kein Heiliger", urteilt Elmar Kerner. Während seines Quellenstudiums fand er heraus, dass Grandinger arrogante Züge hatte und seinen Intellekt heraushängen ließ. "Die Person hat mich fasziniert - obwohl ich ja als Historiker zur Neutralität verpflichtet bin", beschreibt er den Grund, warum er sich so lange der Rekonstruktion des Lebenslaufs widmete.


Bild aus vielen Mosaiksteinchen

"1993 ging's los", erinnert er sich, damals sei er beauftragt worden, die Geschichte des "St. Heinrichsblatts" zu erforschen. Dabei stieß er auf Johannes Grandinger, denn der habe zusammen mit Friedrich Wachter 1893 mit dem "St. Heinrichsblatt" eine katholische Wochenschrift ins Leben gerufen. Elmar Kerner nahm sich die Personalakte Grandingers vor - "so ein Schinken" - und las sich fest. Über die Jahre hinweg sammelte er in kirchlichen Archiven, Standesamtsmatrikeln und Nachläsen viele Mosaiksteinchen, um Leben und Werk dieses Mannes zu rekonstruieren.
Die akribische Arbeit - "der Aufwand war viel größer als vorher vermutet" - mündete nun in eine Doktorarbeit, die Elmar Kerner als über 50-Jähriger an der Fakultät für Geistes- und Kulturwissenschaften der Bamberger Universität vorlegte.