Man nimmt es Michael Krüger ab, dass er gerne in Burgkunstadt ist. Das hat zweierlei Gründe. Nach seinem Ausscheiden aus dem Hanser Verlag übernahm er den Posten des Präsidenten der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, die gemeinsam mit der Kulturgemeinde Burgkunstadt als Veranstalter der Kultursonntage auftritt. Ein weiterer Grund sind die lebensgroßen Figuren des Nürnberger Bildhauers Wilhelm Uhlig, die den Vogteibesucher "in ihrer schönsten Nacktheit" empfangen.


Bei Lied & Lyrik zu Gast

Krüger dürfte den meisten noch von seinem letzten Besuch in Erinnerung geblieben sein. Vor zwei Jahren eröffnete er gemeinsam mit Hanns-Josef Ortheil die neue Saison der Kultursonntage und den literarischen Teil des Festivals Lied & Lyrik.
Michael Krüger nimmt sich Zeit, bevor seine Lesung beginnt. Aufgewachsen in einem winzigen Ort in Sachsen ("Fünf Häuser um einen Kirchturm") lebt er heute in München. Die Landeshauptstadt ist für ihre horrenden Mieten bekannt. Auch sein jüngster Roman "Das Irrenhaus" spielt in München. Ein Mann bekommt in bester Lage ein Haus geschenkt. Er hängt seinen Job als Archivar an den Nagel und zieht in eine freie Wohnung ein, die vor ihm ein Schriftsteller bewohnte. Hier will er eigentlich dem Müßiggang frönen, doch es kommt anders als gedacht. "Man kann sich die Evolutionsgeschichte nicht ohne Arbeit vorstellen", gibt Michael Krüger zu bedenken. Der Mensch muss etwas tun, um seinen Platz in der Gesellschaft zu finden. Dieser Frage geht auch Krügers Roman nach. Zum ersten Mal in seinem Leben wollte sich der Protagonist seines Buches langweilen. Die letzten 20 Jahre hat er sich zumindest theoretisch damit beschäftigt.


Haarwaschmittel im Überfluss

Jetzt macht es ihn schon krank an der Fleischtheke zu stehen und auf die blassen Hühnerbeine zu sehen. Als geradezu "lebensvergiftend" empfindend er es, im Kaufhaus unter 50 verschiedenen Haarwaschmitteln wählen zu müssen. Jetzt war er Hausbesitzer ohne soziale Beziehungen geworden. "Sein Platz in der Welt war ein Platz am Fenster", sagt Michael Krüger.
So richtig Fahrt nimmt die Geschichte auf, als der Protagonist in die Haut seines Vormieters schlüpft, dessen Post er immer noch erhält. Da dämmert es ihn, dass die Sache mit der Schriftstellerei doch nicht so einfach ist. Wer hätte nicht schon Mal mit dem Gedanken gespielt dem Müßiggang zu frönen. Einfach in den Tag hineinleben, ohne Pflichten und Verantwortung. Doch ist das wirklich so erstrebenswert? Und lassen es das Umfeld, die Familie und Nachbarn auch zu?
Letztlich entscheidet sich der Protagonist in Krügers Roman das Haus wieder zu verlassen. Seine Habseligkeiten sind schnell gepackt, und so verabschiedet er sich von den wenigen Möbeln per Handschlag.
Im Anschluss an die Lesung plaudert Michael Krüger noch etwas aus seinem Leben. Sein Großvater hatte ein großes Haus. Er war 1948 enteignet worden. Von da an lebte die Familie in einem winzigen Zimmer. Seit damals beschäftigt sich Krüger mit der Raumvorstellung, die er eine Hülle nennt. Auf der Speisenkarte standen damals neben Pilzen, Wurzeln auch Früchte und Gräser, erfährt der Zuhörer. Michael Krüger spricht von der glücklichsten Zeit seines Lebens.
Am Ende der Lesung erhalten die Besucher noch einen Rat mit auf dem Weg nach Hause: "Rotwein, einen gemütlichen Sessel und ein Buch von Adalbert Stifter lesen. "