Markus Häggberg

D änemark liegt nicht am Obermain. Insofern hat diese Geschichte für uns keine Bedeutung. Das darf mich so kurz vor Redaktionsschluss aber nicht kümmern oder gar abhalten.
In einer vorherigen Geschichte schrieb ich ja schon mal, wie lustig das dänische Volk ist, dass es zu feiern versteht und dass es laut einer Statistik zu den glücklichsten Völkern weltweit zählt. Ich schrieb aber auch, dass ein Onkel von mir eben das anzweifelt, weil die Dänen keine Maschinen produzieren und mein Onkel Maschinenproduzent ist.
Was entweder in allen oder nur in manchen dänischen Gegenden der Knaller ist, ist die Gepflogenheit, dänische Konfirmanden und Konfirmandinnen in amerikanischen Oldies um den Ort zu karren und sie so quasi eine Ehrenrunde drehen zu lassen. Irgendwer in Dänemark scheint dazu immer irgendwen zu kennen, der jemanden mit einem amerikanischen Oldie in der Garage weiß.
Der Konfirmand, von dem ich spreche, heißt Frederik; ein netter Junge, Gymnasiast, wird bestimmt mal ein Intellektueller mit Humor. Er saß in einer alten Mühle, in der zu seinen Ehren die Feierlichkeiten stattfanden, nahe der Kuchen- und Fleischtheke. Kuchen und Fleisch in direkter Nachbarschaft mögen für hiesige Verhältnisse ungewöhnlich wirken, bieten dem Auge aber ein Mehr an Reiz. Zwei Reihen vor Frederik saß inmitten vieler Dutzend Gäste ein unglaublich schönes blondes Mädchen. Wäre ein Lagerfeld anwesend gewesen, hätte er sie dort und dann unter Vertrag genommen. Unter Garantie.
So, und jetzt muss ich an dieser Stelle von einem anderen Verwandten erzählen, der die zweite Hälfte der Geschichte ausmacht. Es ist ein Onkel, dessen Namen ich vergessen habe. Was ich aber noch in Erinnerung habe, ist, dass er den Mund nie aufbekommt und irgendwann davon überrascht wurde, einen Weinberg in Frankreich zu besitzen. Ich lernte diesen originellen Verwandten auf jener Konfirmation kennen, aber nie ergab sich die Gelegenheit für einen Plausch. Und selbst wenn, hätte ich nichts zu reden gewusst.
Doch ein Vorfall sollte uns zeigen, dass es Nähe zwischen uns gibt und dass Männer nicht reden müssen, um einer Meinung zu sein. Also das war so: Irgendwann am Abend wurden an alle Gäste Zettel verteilt, damit sie dem Frederik, so er denn mal traurig sein sollte, eine Nettigkeit aufschreiben. Die kann er sich ja dann von unter dem Bett oder wo er die Zettel sonst aufzuheben gedenken wird, hervorkramen und auf ihnen nachlesen, was ihm seine einstigen Gäste so gewünscht haben. Da gab es Menschen, die ihm Sonne im Herzen wünschten oder dass er nie den Mut verliere, die ihm davon schrieben, dass er gesund bleiben möge und all so etwas.
Ich schrieb ihm allerdings konkreter, wünschte ihm eine gute Plattensammlung und dass er eines Tages mit der Blonden über die Grenze nach Mexiko verschwinden solle. Das würde ihm im Leben wirklich weiterhelfen. Dann steckte ich den Zettel in die dafür vorgesehene Box und ließ den Blick schweifen. Um mich später vor dem Tanzen zu drücken, suchte ich die Nähe meines schweigsamen Onkels auf. Tatsächlich gelang es mir, ihn in ein Gespräch zu verwickeln und so erkundigte ich mich beiläufig danach, was er wohl Frederik gewünscht und aufgeschrieben hatte.
Mein Onkel mit dem Weinberg sah mich an, lehnte sich zurück und ein Lächeln begann seinen Mund zu umspielen. Er nahm das Glas vor sich in die Hände, drehte es, besah es, besah mich, schürzte die Lippen und sagte: "Ich habe ihm geschrieben, er soll sich einen Beruf wählen, der ihn einmal erfüllen wird. Unabhängig von der Frage, wie viel er mal verdienen wird." Mir gefielen diese weisen Worte, sie hatten Würde und zeigten meinen mir unbekannten Onkel von einer sehr tiefen Seite. Dann schob mein Onkel etwas Tiefsinniges hinterher: "Und außerdem schrieb ich ihm, er soll sich bald mal die Blonde schnappen und ein Fass aufmachen."