Kronach — Russland: Die Facetten des gewaltigen Staatengebiets sind unzählig. So spannend und abwechslungsreich wie seine politische und gesellschaftliche Geschichte ist auch die Musik des Landes, der Pjotr Tschaikovsky (1840 - 1893) mit seinen märchenhaften Meisterwerken wie "Dornröschen", "Schwanensee" oder "Nussknacker" zur Weltgeltung verholfen hat. Am Sonntag lud die russische Organistin Marina Viaizia zu einer gut einstündigen farbenprächtigen Klangexpedition in ihre Heimat ein.

Seit 2005 ist sie Dozentin für Orgel und Cembalo am Staatlichen Konservatorium St. Petersburg - und auch alle in ihrem stimmungsvoll zusammengestellten Programm zu Ehren kommenden Tonschöpfer stehen in Verbindung mit St. Petersburg.

Tschaikovskys Nussknacker-Suite ist sicherlich jedem ein Begriff; verzaubert doch die Ballettadaption die Menschen bereits seit zwei Jahrhunderten. Den Weltklassiker an der Orgel zu hören, ist jedoch eine eher seltene Gelegenheit. Die virtuose Organistin verstand es, Auszüge aus dem Meisterwerk ebenso elegant wie filigran zu interpretieren - insbesondere auch die glockenspielartigen Passagen beim weltberühmten "Tanz der Zuckerfee". Was für ein Genuss - und einer der Höhepunkte des Konzertprogramms, bei dem dem Komponisten noch mit dem Finale seiner - von ihm als persönlichste und wichtigste Komposition erachteten - Sinfonie Nr. 6 gehuldigt wurde. Sein letztes Werk mit dem für Sinfonien ungewöhnlichen, langsamen Schlusssatz wurde im Oktober 1893 unter seiner eigenen Leitung in St. Petersburg uraufgeführt, kurz vor seinem Tod.

Ihren Beginn hatte die spannende Klangreise mit Alexander Glasunows (1865 - 1936) erstem, 1906 vollendetenm Orgelwerk, Präludium und Fuge in D-Dur op. 93, gefunden. Der Autor von Symphonien, Ballettmusik, Suiten, Konzerten und zahlreichen Kompositionen für verschiedene Instrumente und Ensembles wird als ein herausragender Vertreter der russischen klassischen Musik betrachtet. Gleiches gilt auch für den regierungskritischen Dmitri Schostakowitsch (1906 - 1975), der mit seiner Schicksalsoper "Lady Macbeth von Mzensk" in den 1930er Jahren erst den Durchbruch schaffte und dann von den Stalin-Schergen ins Visier genommen wurde.

Bei der Passacaglia op. 29 aus der Oper konnte die Organistin, die regelmäßig Orgel-Solokonzerte in vielen Ländern spielt und mit Instrumentalisten sowie Sängern zusammenarbeitet, ebenso ihr großes Können unter Beweis stellen wie beim großartigen "Tanz der Ritter" aus dem Ballett "Romeo und Julia" von Sergei Prokofjew (1891 - 1953) aus dem Jahr 1935. Das weltbekannte Stück voller geballter Energie und eindringlicher Klänge wurde von Rockbands adaptiert, in Serien und Filmen eingesetzt und in einem Werbespot für Parfüm verwendet.

Zauberhafter Abschluss

Den Abschluss des Konzerts bildeten das Prelude Pastorale op. 54 sowie mit "Die drei Wunder" herrliche Opernklänge aus der Feder ihrer russischen Landsmänner Sergei Ljapunow (1859 - 1924) und Nikolai Rimsky-Korsakow (1844 - 1908), bei dem Marina Viaizia den Farbenreichtum und die Klanggewalt der romantischen Steinmeyer-Orgel noch einmal voll auszuloten verstand. Leider kennen die originelle, technisch höchst anspruchsvolle Musik Ljapunows - eigentlich einer der wichtigsten Vertreter russischer Klaviermusik - heutzutage nur noch die wenigsten.

Der russische Komponist, Pianist und Musikpädagoge Nikolai Rimski-Korsakow schuf seine musikalisch opulente, vor Fantasie geradezu überbordende Märchenoper "Das Märchen vom Zaren Saltan" 1899 anlässlich des 100. Geburtstags Alexander Puschkins: ein wahrlich zauberhafter Abschluss einer wunderschönen Entdeckungsreise, für die die bezaubernde - sehr bescheiden und sympathisch auftretende - Organistin völlig verdient tosenden Applaus erhielt und erst nach einer Zugabe "entlassen" wurde.