Von den wichtigen Sätzen des vor 75 Jahren im französischen Lézigné geborenen Film-, Opern- und Theaterregisseurs Patrice Chéreau sei einer zitiert, dessen Bedeutung vielen erst nach seinem frühen Tod 2013 aufgegangen sein dürfte: "Was ich grundsätzlich ablehne, ist allerdings, filmische Bilder auf der Opernbühne zu zeigen. Das bringt nichts. Intimität in der Oper entsteht auf völlig andere Weise als im Kino."

Das sagte wohlgemerkt ein Szeniker, der für seine Filme - darunter "Die Bartolomäusnacht" (1994) und "Intimacy" (2001) - auf den Festivals von Cannes und Berlin Hauptpreise abräumte und mehrfach mit dem César ausgezeichnet wurde. Auch als Darsteller und Schauspiel-Regisseur war Chéreau erfolgreich: Als 22-Jähriger war er bereits Chef eines Pariser Theaters, weitere Leitungsfunktionen und sein erster Spielfilm folgten. Mit einem Schlag weltberühmt wurde er als Regisseur der "Ring"-Tetralogie von Richard Wagner zum Zentenarium der Bayreuther Festspiele 1976. Dirigent Pierre Boulez hatte ihn vorgeschlagen, nachdem Peter Stein abgesagt hatte. Zuvor hatte Chéreau nur zwei Opern inszeniert.

Bei den "Ring"-Premieren, die als der größte Opernskandal der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelten, zählte er noch keine 32 Jahre. Chéreau und sein Team (Bühne: Richard Peduzzi, Kostüme: Jacques Schmidt) wurden, wie er selbst es sah, zwar erst im zweiten Aufführungsjahr richtig fertig.

Aber indem er die Handlung eben nicht im damals üblichen "zeitlosen Mythos", sondern mit sehr realen Figuren in der Entstehungszeit des Werks ansiedelte, wirkte sie plötzlich aktuell und hoch politisch. Das brachte das konservative Wagner-Publikum aus dem Häuschen. Fein gekleidete Bildungsbürger tobten plötzlich wie auf dem Fußballplatz und verteilten Pamphlete.

Die "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" wollte Festspielchef Wolfgang Wagner mit einer Millionenspende zur Absetzung bewegen. 1977 gab es sogar eine konkrete Morddrohung gegen Chéreau und erst recht Gebrüll, als er auf der Bühne darstellerisch für Siegfried René Kollo einsprang.

101 Vorhänge: legendär!

1980, nach fünf Festspielsommern, in denen er bei fast allen Aufführungen hinter den Kulissen präsent war und weiter an Details feilte, wurde der "Jahrhundert-Ring" mit legendären 101 Vorhängen verabschiedet. Der Schlussbeifall nach der "Götterdämmerung" dauerte eineinhalb Stunden.

Auch das nächste Opernprojekt war außergewöhnlich: Mit Pierre Boulez am Pult hob Chéreau 1979 in Paris Alban Bergs "Lulu" in der dreiaktigen Version von Friedrich Cerha aus der Taufe. Während er im Schauspiel und teils auch als Darsteller zum zentralen Interpreten der Werke des Dramatikers Bernard-Marie Koltès wird und weiter Filme dreht, widmet er sich Opern nur sparsam.

Die meisten seiner noch folgenden acht Musiktheaterinszenierungen sind Kooperationen und werden - jeweils von ihm betreut - an mehreren internationalen großen Häusern und Festivals gezeigt. Seine letzte Premiere erlebt er 2013 mit "Elektra" von Richard Strauss, in Aix en Provence, drei Monate vor seinem Krebstod in Paris.

"Was mich interessiert", beschrieb er als Konstanten seiner Arbeit, "sind Dinge wie Begehren, Liebe, Körper, Sehnsucht und die unendlich feinen Facetten, die sich damit verbinden."

Eingriffe in die Partitur lehnte er ab. "Es gibt viele Ausreden für schlechtes Theater. Es geht hier nicht um Werktreue, sondern ob ich als Regisseur und Interpret weiß, was ich mit einer Geschichte sagen will - und wie ich es sagen muss, damit es mein Publikum erreicht."