Marion Krüger-Hundrup

Was sich im Libanon abspielt, fasst die Reisegruppe knapp zusammen: "Die Lage hat sich dramatisch gewandelt, die Stimmung ist aggressiv, das Pulverfass kann jederzeit explodieren." Das kleine Land im Nahen Osten hat gerade vier Millionen Einwohner, dazu kommen zwei Millionen Flüchtlinge - davon 1,5 Millionen aus Syrien und 500 000 aus Palästina. "Die Probleme werden immer größer zwischen den Libanesen und den Flüchtlingen", hat der Stegauracher Pfarrer Walter Ries erfahren, der bereits zum dritten Mal vor Ort war. Dieses Mal begleitet von der Stegauracherin Antonia Schreiber und den beiden Gundelsheimern Andreas Höllein und Konrad Gottschall.
Die Franken wollten sich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass die bisher gesammelten 60 000 Euro Spendengelder auch gezielt für die Flüchtlingshilfe eingesetzt werden. Und sie wollten natürlich die guten Kontakte zum dortigen Verwalter der Gaben vertiefen: Der melktiisch-griechisch-katholische Pater Abdo Raad ist mit Pfarrer Ries seit der gemeinsamen Studienzeit eng verbunden. Pater Raad hat den Verein "Annas Linnas" (Menschen für Menschen) gegründet, der syrische Familien mit Lebensmitteln, Trinkwasser, Kleidung, Decken, Matratzen und Medikamenten versorgt.
Ein überlebensnotwendiges Unterfangen, denn der libanesische Staat, der selbst mit hoher Arbeitslosigkeit, sozialen Problemen und Korruption kämpft, unterstützt die Flüchtlinge nicht. Und die internationalen Organisationen wie das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) oder kirchliche Institutionen aus Europa stoßen wegen der geballten Not in den Lagern aus Zelten und teilweise festen Häusern ohne Kanalisation an ihre Grenzen.
Die Reisegruppe hat mit Pater Raad solche Lager aufgesucht: "Extrem ärmlich, verdreckte Kinder, erzwungenes Nichtstun, Perspektivlosigkeit" lauten beschreibende Schlagworte. Umso größer ist das Hoffnungszeichen, das mit einer Schule für Flüchtlingskinder in Naameh südlich von Beirut gesetzt wurde. Dank der fränkischen Spenden können etwa 200 junge Syrer lesen, schreiben und die englische Sprache lernen. Pro Kind sind monatlich zwanzig Euro Schulgeld nötig, ferner müssen die Miete für das Schulgebäude und Lehrergehälter bezahlt werden. Summa summarum braucht die Schule, die keinerlei Hilfen vom libanesischen Staat bekommt, rund 100 000 Euro im Jahr: "Gut angelegtes Geld in Bildung, die einzige Chance für eine bessere Zukunft", ist sich Pfarrer Ries sicher.
Das Erzbistum Bamberg hat für dieses Jahr 10 000 Euro beigesteuert. Pfarrer Ries und seine Reisebegleiter hoffen auf die weitere Großzügigkeit der Franken. Zumal der Unterricht "auch Friedensarbeit mit Kindern ist, die das Gelernte an ihre Eltern weitergeben". Und so weniger anfällig werden für das Werben militanter, islamistischer Gruppen.
Die Touren durch den Libanon führten aber nicht nur Elendsbilder vor Augen: "Die Natur ist wunderschön, die Mittelmeerküste reizvoll, es gibt Denkmäler aus der Römerzeit, aber keinen Tourismus", freut sich Andreas Höllein über die schönen Augenblicke ihrer Reise. Dazu gehörte auch der Besuch eines sunnitischen Scheichs, dessen Gastfreundschaft sie genießen durften. Zu den wieder bedrückenden Erlebnissen gehörte der Abstecher in das Palästinenser-Lager "Sabra e Shatila", das wegen des von den Vereinten Nationen anerkannten Genozids im Jahr 1982 traurige Berühmtheit erlangt hatte. Nur der funktionierende Draht von Pater Abdo Raad in dieses "Ghetto" machte den Aufenthalt möglich. Sonst kann das Lager nicht von Fremden besucht werden.