MArkus Häggberg

N eulich fuhr ich mit einem sehr guten Freund nach Frankfurt am Main. Unser Job dort bestand darin, Lachmöwen in einer Kläranlage vor blauem Himmel zu filmen. Dieser Ort wurde uns für den Vormittag von führenden Ornithologen empfohlen und so waren wir schon früh auf den Beinen.
Wie immer sabotierte mein Freund meine Diätpläne bzw. meine neuerlich begonnene Sporternährung und brachte Schokolade, Schinkenbrötchen und Mohnschnecken mit. Der Himmel im Landkreis war grau, ziemlich regenverhangen und erinnerte an eine umgestülpte Suppe, die an der Decke hängt.
Doch mein Freund und ich waren guter Dinge, denn wir lieben es, uns gegenseitig Musik zu präsentieren und uns unglaublich tiefgreifende Einblicke in Werke von Bands wie "Saga" oder "Pink Floyd" oder den "Rolling Stones" zu verschaffen. Mein Freund mag die Stones nicht so sehr, was ich stets als ungerecht empfand.
So wurde ich missionarisch und nahm eine Stones-CD mit auf die Reise. Ich entschied mich für ein Werk aus den frühen 70ern - das, auf dem "Angie" drauf ist. Insgesamt ist die Scheibe etwas zu lang geraten, manche musikalischen Ideen sind zwar großartig, laufen sich aber durch übermäßige Länge tot. Aber die brillanten Momente sind unleugbar und die wollte ich meinem Freund präsentieren.
Vorher las ich ihm noch zur Einstimmung aus dem aktuellen "Spiegel"-Sonderheft vor, das sich mit den "Rolling Stones" befasst und vergnügliche Anekdoten zum Fremdgehen, zu Alkohol, durchzechten Nächten bereithält.
Dann aber gab es Musik und gerade, als ich meinem Freund demonstrieren wollte, wie gekonnt Mick Jagger bei einem Blues-Song die Melodie stimmlich phrasieren konnte, meldete sich die Frauenstimme vom Navi: "Im Kreisverkehr bitte die Zweite abbiegen."
Okay, die Pille musste ich schlucken, aber der Song dauerte ja noch an, und der Refrain ist ein wiederkehrender. Der Kreisverkehr auch. Dann, kurz vor der Landkreisgrenze zwischen Lichtenfels und Bamberg stieg meine Begeisterung für einen Song, bei dem ich meinem Freund versprach, dass sich in ihm erweisen würde, wie großartig die Harmonien gesetzt sind. An der entscheidenden Stelle meldete sich die Trulla vom Navi wieder: "An der nächsten Ausfährt in 300 Metern bitte rechts abbiegen."
So geschah es, dann war das Lied vorbei. Blieb noch ein Song. Ihn beginnen die Stones in düsterer Grundstimmung, brechen dann aber über eine herrlich beiläufig erscheinende Melodie die Sache zum Hellen hin auf.
Als das Helle an der Reihe war, schaltete sich die doofe Kuh vom Navi hinzu und wies uns darauf hin, dass in wenigen Kilometern Entfernung etwas von Belang sein könnte.
Dann waren die Stones erledigt, ich aufgebracht und die erste Hälfte des Vormittags gelaufen. Mein Freund mag die Stones nach wie vor nicht und ich biss in alle Mohnschnecken, Schinkenbrötchen und Schokoladen. Der moderne Mensch ist ein armes Würstchen.