Sigismund von Dobschütz Eine solche Familiensaga kann sich ein Autor fiktiver Romane kaum ausdenken. Das muss man erlebt haben: Auf eine Zeitspanne von 100 Jahren und drei Generationen blickt der niederländische Journalist und Autor Alexander Münninghoff (74) in seiner Autobiographie "Der Stammhalter" zurück, die in Holland zweifach prämiert wurde. Es ist eine abenteuerliche Familiensaga über den teils historisch bedingten, größtenteils aber selbst verschuldeten Niedergang seiner einst wohlhabenden Industriellenfamilie.

Mitten im Ersten Weltkrieg baut sich Großvater Joannes Münninghoff als Niederländer im lettischen Riga ein Industrie-Imperium auf, wobei auch der Waffenhandel behilflich ist, sowie ein weit verzweigtes Netzwerk in den deutsch-baltischen Adel. Mit Ehefrau Erica, einer russischen Gräfin, führt er in nachfolgenden Friedenszeiten ein mondänes Leben auf eigenem Gutshof. Erst durch die sowjetische Okkupation verliert die Familie alles und kehrt in die Niederlande zurück.

Joannes ist es nicht gelungen, seinen Erstgeborenen Frans zum echten Niederländer zu erziehen. Er sollte sein Stammhalter und späterer Erbe seines in den Niederlanden neu geschaffenen Imperiums werden, das er sich dank seiner Verbindungen in höchste katholische und politische Kreise und nicht immer mit legalen Mitteln aufbauen konnte. Denn Frans Münninghoff fühlt sich trotz niederländischer Staatsangehörigkeit eher als Deutscher, bedingt durch seine Jugend im deutsch-baltischen Adel. Er tritt der Waffen-SS bei, kämpft an der Ostfront und heiratet gegen den Willen seines Vaters eine Deutsche. Da Frans demnach nicht zum Erben taugt, sieht Joannes nun seinen Enkel Alexander als Stammhalter. Doch dessen Mutter, inzwischen von Frans geschieden, flieht mit ihrem kleinen Sohn nach Deutschland. Sein Großvater lässt ihn zurück in die Niederlande entführen, wo der "Stammhalter" zunächst beim Vater Frans aufwächst.

Alexander Münninghoff beschreibt spannend, aber auch sachlich den Niedergang seiner Familie, die nach ihrem Wohlstandsleben in Lettland nun in den wirren Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg erfolglos versucht, in den Niederlanden neue Wurzeln zu schlagen.

Gerade diese Wurzellosigkeit des Autors, der zudem fern der leiblichen Mutter und ungeliebt vom Vater schon in der Kindheit auf sich allein gestellt ist, erlaubt es ihm wohl, mit erstaunlichem Abstand und völlig unaufgeregt, gelegentlich mit humoristischem oder satirischem Unterton den Lebensweg von Großvater und Vater sowie ihres familiären Umfeldes in den Turbulenzen des 20. Jahrhunderts zu beschreiben. Vieles ist selbst beobachtet, vieles aus Briefen angelesen, manches von Angehörigen zugetragen. Münninghoff lässt die Leser seiner Autobiographie nachempfinden, wie sich seine Familie spätestens nach dem Tod ihres Patriarchen, seines Großvaters, allmählich auflöst und die in einst besseren Zeiten noch eingeschworene Gemeinschaft zerfällt.

Nicht immer ist es als unbeteiligter Leser einfach, dem Geschehen in jeder Konsequenz zu folgen und alle Ereignisse in ihren chronologischen oder kausalen Zusammenhang zu stellen, da Münninghoff allzu viele Randfiguren in seine Familiengeschichte einbezieht. Manche Fakten sind für uns Leser verzichtbar. Der Spannungsbogen wäre dichter gewesen, hätte der Autor auf solche Abschweifungen verzichtet. Davon abgesehen, ist "Der Stammhalter" eine lesenswerte Autobiographie und Familiengeschichte.