Die Werke des Dichters Friedrich Rückert haben es dem Tenor Malte Müller angetan. Er entschloss sich, eine CD aufzunehmen. Seine Plattenfirma fand das gut und gab grünes Licht. Auf der Suche nach Liednoten musste sich der im Lichtenfelser Stadtteil Roth geborene Sänger aber auch schwierigen Recherchen stellen. Und dabei will er doch nur singen.
Friedrich Rückert - das sagt sich so leicht daher, findet Müller. Der 41-Jährige gibt zu, dass er selbst stutzig geworden sei, als er sich all die fränkischen Dimensionen Rückerts in Erinnerung rief: 1788 in Schweinfurt geboren, Privatgelehrter in Ebern und Coburg, Philologe, vertraut mit 40 Sprachen, Begründer der Orientalistik, Erlanger Professur, 1866 in Coburg gestorben und begraben.


Tendenz zum Dramatischen

Ein Lächeln huscht über Müllers Gesicht. Unlängst weilte er bei Proben zu Wagners "Rheingold" in Krakau. In seiner Selbsteinschätzung sieht er sich als voll lyrischen Tenor mit Tendenz zum Dramatischen. Singen, so Müller, sei "Hochleistungssport, ein Zusammenspiel von Atmung, Stimmbandschluss und dem Erschließen von inneren Räumen".
Dann hebt er, eine Liedzeile erklärend, zu singen an und lässt Belcanto-Technik erahnen. "Um das Jahr 2014 herum", so der heute in Mannheim lebende einstige Absolvent der dortigen Musikhochschule, sei Andreas Meixner, Mitgesellschafter des seit zehn Jahren im Klassik-Sektor aufstrebenden Musik-Labels "Spektral" mit der Anregung an ihn herangetreten, Rückert-Vertonungen von Gustav Mahler aus dem Zyklus "Sieben Lieder aus letzter Zeit" einzusingen.
Dabei entdeckten die Männer eine Parallele: beide waren Domspatzen in Regensburg. Müller legte dort sein Abitur ab, griff ein Jurastudium auf und besann sich bald auf ein weiteres Studium an der Musikhochschule Mannheim. "Wir wollten die CD eigentlich zum Rückert-Jahr 2016 machen."


28 Titel sollen es sein

Die Liste großer Komponisten, die Rückerts Texte in Noten setzten, ist lang. Schubert gehört zur ihr. Schumann auch. Zudem Meyerbeer, Liszt, Smetana, Berg, Mussorgsky, Mahler. 28 Titel sollen es sein, die derzeit an vier Tagen im Konzerthaus in Blaibach eingesungen werden sollen, bis an zwei Novembertagen noch Tonsetzungen von Richard Strauß folgen werden. So weit, so gut. Doch was ist mit Wilhelm Kienzl?
Wegen Kienzl (1857-1941) gab es Verzögerungen. Dessen Noten "konnte ich nicht mehr über den Handel bestellen, und im Online-Archiv der Deutschen Nationalbibliothek habe ich die nicht gefunden", so Müller. "Im Krieg sind sicher viele Noten verbrannt, dann wurde er nicht mehr verlegt wegen mangelnder Nachfrage."


Überraschende Antwort

Erst bei dem 1719 gegründeten Musikverlag Breitkopf & Härtel mit Sitz in Wiesbaden, Leipzig und Paris kam die erlösende Mitteilung eines Archivars: "Wir haben etwas gefunden." Wie viele Menschen wohl heute noch Noten von Kienzl, speziell diese Rückert-Vertonungen, in Händen halten können? "Ich vermute, nicht viele", so Müller, der verblüfft ist, "wie viele Komponisten Rückert aufgegriffen haben".
Im Falle von Smetana, der zu Rückerts "Liebesfrühling" komponierte, fanden sich auch keine Noten. So fragte Müller den englischen Dirigenten Graham Buckland um Rat, der in Brünn arbeitete und mit dem tschechischen Komponisten Smetana vertraut ist. Nichts. Die Suche nach einer Smetana-Gesamtausgabe blieb erfolglos, im Handel jedenfalls war nichts erhältlich. "Dann habe ich Rudolf Kreutner, den Geschäftsführer der Rückert-Gesellschaft gefragt, ob er helfen könnte."
Die Antwort war so umwerfend wie überraschend: "Herr Müller, ich habe die Noten daheim." Eine alte Ausgabe dieser Lieder, wohlgemerkt. Doch damit nicht genug. "Der Geschäftsführer möchte für die 2018 erscheinende CD eine Einführung zu Leben und Werk Rückerts verfassen."
Ein gestrenger Tonmeister wird bei den nun entstehenden Aufnahmen anwesend sein, einer, der so Dinge wie "Takt passt nicht, wir machen es noch einmal" sagen wird. Dazu noch Pianist Götz Payer, der schon die berühmte Grace Bumbry begleitete. Ob Malte Müller Mores vor der Aufgabe hat? Immerhin gilt es während der exakt gebuchten Aufnahmezeiten auf der Höhe zu sein. "Ich muss den Kopf freikriegen und die Stimme schonen und, naja, man hat schon gewisse Anspannung und Freude. Aber auch Respekt."