Euer Ehren mag es schnell und sportlich. Aber bitte nicht zu schnell. In der Stadt ist Reinhard Oberndorfer gerne mit seinem roten Audi TTS unterwegs. Im Juni 2017 hat der gebürtige Oberpfälzer das Amt als Direktor des Bad Kissinger Amtsgerichtes angetreten - und damit nach 13 Jahren einen Neuanfang gewagt. Herr Oberndorfer, warum stehen die Leute immer auf, wenn Sie den Saal betreten? Reinhard Oberndorfer: Das ist eine reine Frage der Hochachtung. Die gilt nicht dem Richter in Person, sondern dem Gericht in seiner Funktion. Ich versuche, solche Formalien in Grenzen zu halten. Aber Gerichte sind nun mal ein bisschen konservativ. Bleiben wir beim Thema konservativ: Wieso wird es schon so lange beibehalten, dass Juristen Roben tragen? Als ich mein Studium begonnen habe, war ich der Meinung, dass man das möglichst schnell abschaffen sollte. Später habe ich den Eindruck gewonnen, dass es sehr praktisch ist. So kann ich mir an heißen Sitzungstagen auch eine leichte Sommerhose leisten. Ich brauche eben ein weißes Hemd und eine Fliege dazu. Jetzt möchte ich die Roben nicht mehr abschaffen. Aber auf die Perücke, die Ihre englischen Kollegen tragen, können Sie gut verzichten? Ja, auf jeden Fall. Neulich war eine Schulklasse da, die gefragt hat, wo denn mein Hammer sei. Dieses schöne Hämmerchen, das man in amerikanischen Filmen hin und wieder sieht, gibt es an deutschen Gerichten auch nicht. Hätten Sie gerne einen? Nein. Es kann aber manchmal schwierig sein, eine Sitzung unter Kontrolle zu halten. Ich bin kein Freund davon, Leute einfach abzuwürgen. Es muss möglich sein, ein bisschen zu schimpfen und sich aufzuregen. Das darf natürlich nicht ausarten. Ganz wichtig ist es, die Akten gut zu kennen, denn Autorität erwächst am einfachsten aus Sachkenntnis. Warum sind Sie Richter geworden? Nach dem Abitur wollte ich eigentlich ein naturwissenschaftliches Studium beginnen. Dann musste ich leider erst einmal 15 Monate bei der Bundeswehr verbringen. Das war damals eine turbulente Zeit. Der Terrorismus der Baader-Meinhof-Gruppe war sehr präsent. Das hat dazu beigetragen, mich für Gesetze zu interessieren. Unmittelbar nach dem zweiten Examen wurde mir eine Richterstelle in Schweinfurt angeboten. Es war also reiner Zufall, dass ich Richter geworden bin. Haben Juristen den Drang, die Welt besser machen zu wollen? Ich denke, einen gewissen Idealismus sollte man schon mitbringen. Aber das, was man so gerne als Rechtsgefühl bezeichnet, ist etwas sehr Trügerisches. Man darf sich bei seinen Entscheidungen auf keinen Fall von seinen Gefühlen leiten lassen. Es gibt ja auch Angeklagte, die sind einem schlichtweg unsympathisch. Die kämen dann sehr schlecht weg. Wie hat es Sie zurück nach Bad Kissingen verschlagen? Ich hatte nach über 13 Jahren Oberlandesgericht den Eindruck, dringend eine Veränderung zu brauchen. Zweitens hatte ich ja täglich zweimal 60 Kilometer zu fahren. Außerdem hatte ich die Vorstellung, Leiter eines relativ kleinen Gerichts zu werden, wäre etwas sehr Angenehmes. Man ist sein eigener Herr und hat sein eigenes kleines Reich. Bad Kissingen kannte ich ja, gewissermaßen habe ich ein Heimspiel. Und hat sich das bisher so bestätigt? Ja, es geht mir gut hier. Wie stark unterscheidet sich Ihre Arbeit hier von der am Bamberger Oberlandesgericht? Ich habe hier wesentlich mehr Verwaltungsaufgaben. Dann habe ich noch mein halbes Richterreferat. Das ist hier traditionell ein Strafreferat. Aber die Akten sind nicht so dick wie am Oberlandesgericht. Es ist weniger anstrengend. Welche Fälle haben Sie in Ihrer Laufbahn besonders geprägt? Es passiert eigentlich fast nie, dass ich wegen meinen Fällen schlecht schlafe. Als Staatsanwalt hatte ich auch mit Internetkriminalität zu tun, unter anderem Kinderpornographie. Das fand ich belastend. Da habe ich mir gesagt, das muss ich nicht die ganze Zeit haben. Beschäftigen Sie diese Dinge auch privat? Am Oberlandesgericht habe ich jedes Wochenende Akten mit nach Hause genommen - was ich jetzt selten mache. Ich habe für mich entschieden, dass beispielsweise eine Stelle als Vorsitzender einer großen Strafkammer, wo man ständig mit Kapitalverbrechen zu tun hat, nichts für mich wäre. Ich meine, dass mir das nicht guttäte. Es gibt doch Fälle, die man nicht ständig ausblenden kann. Hier habe ich es bei meinen Strafverfahren nur mit mittelgradiger Kriminalität zu tun; das berührt mich emotional nicht. Gibt es Entscheidungen als Richter, die Sie mittlerweile bereuen? Ich denke prinzipiell nicht über vergangene Entscheidungen nach, weil das sinnlos ist. Wenn mir ein massiver Fehler auffallen würde, dann würde ich den Staatsanwalt anrufen und sagen: Mir ist da etwas Schreckliches passiert, legen Sie bitte Berufung ein. Ich denke allenfalls manchmal über meine Prozessführung nach. Neulich war ein Zeuge da, der sich hingelümmelt hat und sehr unkooperativ war. Ich habe das durchgehen lassen, mir aber nachträglich gedacht, dem hätte ich schon ein bisschen den Kopf waschen sollen. Es heißt ja immer, es sei gut, einen Juristen in der Familie zu haben. Greift Ihre Verwandtschaft oft auf Sie zurück? Hin und wieder. Wenn es kompliziert wird, empfehle ich lieber Anwälte. Das sind sonst Ratschläge, die man zwischen Tür und Angel gibt. Solche Ratschläge tragen immer den Keim des Irrtums in sich. Ich prüfe schon mal die Nebenkostenabrechnung meiner Mutter. Ansonsten bin ich da eher zurückhaltend.

Die Fragen stellte

Teresa Hirschberg.