"It"s the economy, stupid!" Dieser Spruch aus dem Wahlkampf des späteren US-Präsidenten Bill Clintons hat eine erstaunliche Karriere hingelegt. Gemeint ist die zentrale Rolle der Ökonomie für politische Erfolge, recht eigentlich für alle kapitalistischen Gesellschaften.

Und die Sentenz stand auch unausgesprochen für das Thema des zweiten Tags der Hegelwoche. Steht doch die Wirtschaft, so Christian Illies in seiner Einleitung, in der "Hegel'schen Trias" an zweiter Stelle zwischen Familie, der sich am Vortag Paul Kirchhof widmete, und dem Staat. Alles unter dem Erkenntnis leitenden Interesse dieser drei Tage, was in einer Zeit der "Reibungen, Spaltungen, Divergenzen" (Illies) eine Gemeinschaft zusammenzuhalten vermöge.

Kann man angesichts einer nicht enden wollenden Kette von Skandalen, in die nicht nur Konzerne verwickelt sind, "anständig wirtschaften"? So überschrieb Claus Dierksmeier seinen Vortrag. Der umtriebige Philosoph steht unter anderem dem Weltethos-Institut der Universität Tübingen vor und wirkt als Berater einer der weltweit größten Unternehmensberatungsfirmen, der Boston Consulting Group.

Ökonomischer Anstand - in Zeiten einer nicht mehr aufzuhaltenden bzw. rückgängig zu machenden Globalisierung als dringende Agenda. Außenpolitik sei Weltinnenpolitik, so Dierksmeier, Klima, Überfischung der Meere, Ausplünderung von Ressourcen erforderten einen "moralischen Kompass" für ökonomisches Handeln.

Fehlende Beispiele

Dafür griff der 48-Jährige auf sein Konzept der qualitativen versus quantitativen Freiheit zurück.

Die sei eine Anhäufung von Wirtschaftsfreiheiten, die man neoliberal nennen könnte (er verwendete diesen Begriff nicht); stattdessen fokussiere sich qualitative Freiheit auf die "Klasse statt Masse unserer Möglichkeiten". Also die Folgen wirtschaftlichen Handelns für Planet und Mensch ins Kalkül mit einzubeziehen - leider blieben seine Thesen meist hoch abstrakt, man hätte gerne Beispiele gehört.

Der Mensch sei nur zu einem marginalen Teil "homo oeconomicus", wie ihn die klassische ökonomische Wissenschaft definiere, sondern ein homo sapiens, der durch Moral und Gerechtigkeit zu motivieren sei. Dabei nannte er modernere ökonomische Ansätze wie den von Michael Jensen. Compliance-Systeme, also von Unternehmen selbst aufgestellte Konzepte freiwilliger Unternehmensverantwortung, seien nicht nur eine Einschränkung betriebswirtschaftlichen Spielraums, sondern erweiterten den Handlungsspielraum, so die optimistische Konsequenz Dierksmeiers.

Er behauptete eine "signifikante Korrelation von Ethik und Erfolg. Moral hilft beim Heben von Effizienz und Innovation." Moral motiviere, und Geld, Gewinn würden von vielen modernen Unternehmern nicht als Selbstzweck, sondern als Indikator für erfolgreiches unternehmerisches Handeln interpretiert: Ökonomie werde idealistischer, sie sollte "weder machtversessen noch selbstvergessen" agieren. Keineswegs also stellte sich der Philosoph gegen eine Marktwirtschaft, wobei er freilich eine Ordnungsethik für "Negativabweichler" nicht in Frage stellte. Mit diesem Idealismus, auch im Rekurs auf Kants kategorischen Imperativ, nahm er die Wende zu Hegel, der soziale Verantwortung durch Wirtschaft gefordert und den Staat dabei nicht ausgeschlossen habe.

Sehr viel Freiwilligkeit, sehr viel Liberalität in den Konzepten Dierksmeiers, die ihn für den Vorstand der Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft qualifizieren oder für den Beirat der Theodor-Heuss-Stiftung.

Kein Hauch von Produktionsverhältnissen, denen die Marktsubjekte bei Strafe des Untergangs zwanghaft unterliegen, wie die Marx'sche Theorie zentral postuliert. Darauf nahmen auch einige Zuhörer Bezug, die nach dem wirtschaftlichen "Sozialdarwinismus" fragten oder schlicht Compliance-Konzepte als "Trend" denunzierten, dem sich Unternehmen unterwürfen, "um marktgerecht dazustehen". Dierksmeier räumte ein, dass es exkulpatorische Philanthropie geben könne und schloss mit einem Hegel-Zitat: "Heuchelei ist ein Freund der Moral."