von unserem Redaktionsmitglied Corinna Igler

Kronach — Als er den Schlachthof gesehen hat, ist ein Stier wohl derart in Panik geraten, dass er alles versucht hat, um seinem Schicksal doch noch zu entkommen. Der circa 950 Kilogramm schwere Bulle sollte am Montagmorgen in Kronach zum Schlachter kommen. Doch stattdessen nahm der Stier kurzerhand einfach Reißaus.
"Nach einem Sprung über die Absperrung der Laderampe griff der Stier einen Mitarbeiter des Schlachthofes an und rannte sodann um das Gebäude, wo er auf den Schlachthofleiter traf, der beim Ausweichen stürzte, aber glücklicherweise vom Tier nicht attackiert wurde", heißt es in einer Mitteilung der Polizei Kronach.
Schlachthofleiter Stefan Wilferth erinnert sich am Tag nach dem Vorfall gegenüber unserer Zeitung: "Wir haben sämtliche Tore geschlossen. Man muss da vorsichtig sein, weil die Tiere in so einem Fall sehr aggressiv sind und angreifen."
Wilferth kennt auch den Grund, warum ein solches Tier auf dem Weg zum Schlachthof in Panik geraten kann: "Es handelte sich um ein Weiderind aus der sogenannten Mutterkuhhaltung. Wenn solche Tiere von ihrer Herde getrennt und aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen werden, sind sie unberechenbar. Wobei der Bulle beim Aufladen wohl noch ganz ruhig war."
Bis zur Ankunft am Schlachthof hat sich das aber wohl geändert. Nachdem er ausgebüxt ist und alle Tore auf dem Gelände verschlossen waren, riss der Bulle den Maschendrahtzaun nieder und flüchtete Richtung Kläranlage.
Dort traf er auf einen Spaziergänger, der gerade seinen Hund ausführen wollte. Der 64-Jährige wurde vom Bullen regelrecht auf die Hörner genommen und zur Seite geschleudert. Anschließend rannte das Tier in Richtung Zollschneidmühle. Dort endete allerdings die Flucht des Bullen. Ein Polizeibeamter, den Wilferth und seine Kollegen zur Hilfe gerufen hatten, erlegte den Stier mit einem gezielten Schuss aus dem G3-Gewehr.
Während der 64-Jährige aufgrund seiner Verletzungen stationär im Krankenhaus bleiben musste, konnten die Verletzungen der beiden Schlachthofmitarbeiter ambulant versorgt werden. "Wir standen mehr unter Schock", sagt Wilferth. Die Mitarbeiter machen ihren Job aber mittlerweile weiter. "Sonst wäre das, als wenn Sie nach einem Autounfall Ihren Führerschein abgeben würden", sagt Wilferth.
Doch wie konnte der Bulle überhaupt ausbüxen? Immerhin haben diejenigen, die mit lebenden Tieren umgehen, doch eine sogenannte Sachkundebescheinigung, wie Wilferth erklärt. Sie wissen also, wie man mit Tieren - auch auf dem Weg zum Schlachthof beziehungsweise dort - umgeht. Auch die Lücke zwischen Transporter und Schlachthof sei "verhältnismäßig gering", das Absperrgitter 1,50 Meter hoch. "Solche Tiere sind unberechenbar", erklärt Stefan Wilferth. In der Polizeimitteilung heißt es, dass der Hänger vor dem Entladen des Tieres nicht richtig positioniert und abgesichert gewesen sei. So habe der Bulle seinem Schicksal zumindest kurzfristig entgehen können.
Öfter habe man so einen Fall im Kronacher Schlachthof "zum Glück" nicht, passieren könne so etwas überall, weiß der Schlachthofleiter. Auch Manfred Fugmann, Sprecher der Kronacher Polizeiinspektion, bestätigt das: "So etwas kommt ganz selten vor und wenn, kann es meistens innerhalb des Schlachthofes abgegolten werden." Nicht auszudenken, sagt er, was noch hätte passieren können, wenn der Stier in Richtung Bundesstraße beziehungsweise Innenstadt ausgebüxt wäre.
Der Bulle war letztlich nicht mehr verwertbar, muss entsorgt werden, wie Wilferth erklärt.