Eckehard Kiesewetter Gleusdorf/Mürsbach — "Da bohrt jemand nach Erdöl", mutmaßen die einen; "da endet ein Traum", wissen die anderen und die haben Recht. Denn eine Baustelle nördlich von Gleusdorf, in deren Mitte ein Bohrturm in die Höhe ragt, ist Zeugnis eines geplatzten Traumes, der Mitte der 70er Jahre Bürgermeister in Ebern und im Itzgrund elektrisiert hat und von dem sich etliche Geschäftsleute das große Geld erhofften. Von einem Wellness-tempel im Itzgrund, von geothermisch beheizten Wohnsiedlungen oder auch von einer Thermalfernheizung für das Freibad in Ebern war damals die Rede. Jetzt veranlasst die Regierung von Oberfranken die endgültige Schließung der dereinst erschlossenen Tiefbohrungslöcher zwischen Medlitz und Gleusdorf.

"Wir schaffen klare Verhältnisse, um der Gefahr vorzubeugen, dass die Bohrungen eines Tages Probleme machen", sagt Frank Becker. Er ist der zuständige Mann beim Bergamt Nordbayern, das bei der Regierung in Bayreuth angesiedelt ist. Die Zuständigkeit für derartige Bohrungen wiederum regelt das Bundesbergbaugesetz. Und es schreibt eindeutig vor, dass ungenutzte Teufungen, wie sie in der Bergmannsprache heißen, verschlossen werden müssen. Der Zustand vor der Bohrung ist wiederherzustellen.

Es geht um die öffentliche Sicherheit. "Bis jetzt gibt es keine Bedenken, aber die Bohrungen sind 50 Jahre alt und der Zustand verschlechtert sich von Jahr zu Jahr", erklärt Frank Becker. Es gelte der Gefahr vorzubeugen, dass womöglich eines Tages Sole austritt oder ausströmendes Gas Mensch und Tier bedroht. Jetzt versiegelt man die Bohrungen fachmännisch, Becker sagt, "für immer".

Zum Hintergrund

1970 und 1971 hatte die Ruhrgas AG fünf Erkundungsbohrungen bei Mürsbach niedergebracht, um zu untersuchen, ob sich das Terrain für die Einspeicherung von Erdgas eignen würde. Bis zu 1300 Meter tief wurde damals gebohrt. Doch die Geologie entsprach nicht den Erwartungen. "Die Struktur hat nicht gepasst", sagt Tiefbohringenieur Becker. Man stieß auf Sole und CO2 , "und das verträgt sich nicht mit Erdgas". Also brach der Gaskonzern das Unterfangen ab.

Dafür machte das Ergebnis potenzielle Investoren hellhörig, war man doch in 1000 Meter Tiefe auf 45 Grad warmes Nass gestoßen, dem balneologische Gutachten (Balneologie ist die Bäderheilkunde) heilende Wirkung nachsagten.

Die Erschließung als Thermalquelle für ein Bad Mürsbach oder für den Absatz von Mineralwasser schien vielversprechend. Selbst eine Pipeline über den Landsbacher Berg zum Freibad in Ebern spukte in manchen Köpfen herum.

Weil derartige Projekte aber für kleine Kommunen wie im Itzgrund kaum zu stemmen gewesen wären, übernahmen 1975 private Investoren die Flächen samt Bohrstellen bei Medlitz, Mürsbach, Busendorf und Gleusdorf.

Wiederholt kam es in den Folgejahren zu Besitzerwechseln, immer wieder lagen neue Ideen und Pläne auf dem Tisch, doch im Endeffekt tat sich nichts. An den Bohrstellen in den Gemeindegebieten von Untermerzbach und Rattelsdorf selbst sprossen allein das Buschwerk und Bäume, sie versanken - durch Messgeräte dauernd überwacht und vor unbefugtem Zugang gesichert - im Dornröschenschlaf. Für die Regierung von Oberfranken war es am Ende selbst mit gerichtlichen Mitteln nicht mehr möglich, den letzten Eigner oder seinen Rechtsnachfolger heranzuziehen.

So war es laut Frank Becker eine "Vernunftmaßnahme", dass sich die Regierung von Oberfranken und die Uniper Storage GmbH (ein Rechtsnachfolger der Ruhrgas AG) mit Sitz in Essen jetzt daran gemacht haben, die Altbohrungen bei Mürsbach endgültig zu versiegeln. Es geht darum, dauerhaft zu verhindern, dass giftiges Gas entweicht oder Umstiegsprozesse stattfinden, die womöglich das Grundwasser belasten könnten. "Wir wollten nicht in die Situation geraten, dass akuter Handlungsbedarf entsteht."

Von den Kosten von mehreren Hunderttausend Euro wird die Uniper-GmbH laut FT-Informationen 40 Prozent bezahlen. Den Löwenanteil übernimmt das Land Bayern, damit also der Steuerzahler. Bergrat Becker spricht nicht über Geld. Nur so viel: "Ist ja wohl klar, dass der Aufwand nicht aus der Portokasse zu finanzieren ist."

Mit Sachverstand

In einem Informationsblatt zu der Maßnahme ist von der "Herstellung eines dauerhaft sicheren Zustandes der Altbohrungen" die Rede. Zunächst wird der unterirdische Zustand der Bohrstellen untersucht, um zu ermitteln, welches Vorgehen bei jeder einzelnen der fünf Bohrungen angeraten ist. Im Grunde sind dann zwei Schritte erforderlich, im Fachdeutsch der Bergmänner spricht man vom "Aufwältigen" und "Verwahren der Bohrungen". Aufwältigen bedeutet öffnen und ausräumen, Verwahren heißt auf Dauer zufüllen und verschließen. Einfach Stöpsel drauf genügt da nämlich nicht, weshalb jetzt ausgemachte Fachleute, Mitarbeiter der MB Well Services GmbH aus Salzwedel (Sachsen-Anhalt), am Werk sind. Das Unternehmen verweist auf jahrzehntelange Erfahrung im Abteufen (Niederbringen), Komplettieren und Reparieren von Tiefbohrungen. "Ein bisschen Sachverstand braucht es da schon", untertreibt Frank Becker, der früher im Kalibergbau tätig war, "und im Tiefbohrbereich gibt es in Deutschland nicht unendlich viele Firmen."