Christoph Böger

Es gibt Spiele im Leben eines Fußballers, die vergisst er nicht. Erich Beer, heute 71 Jahre alt, hat die "Schmach von Cordoba" noch genau in Erinnerung. So lange der aus Ebing stammende und für den VfL Neustadt spielende Nationalspieler auf dem Platz stand, führte Deutschland 1:0.
"Ich war stinksauer, als ich für Hansi Müller runter musste." Beer hat nach eigenen Worten lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach! Zum Hintergrund: In der Pause führte Deutschland damals mit 1:0. Weil es gleichzeitig in Buenos Aires zwischen Holland und Italien 0:1 stand, war mit einem höheren Sieg gegen Österreich noch das Finale möglich. "Die Trainer Schön und Derwall wollten offensiver spielen. Das ging schief. Mit einem Unentschieden hätten wir das Spiel um Platz 3 erreicht", ärgert sich der ehemalige Profi noch heute.


Eigentor Vogts, zweimal Krankl

Denn ohne Beer nahm nach das Unheil nach der Pause seinen Lauf: Selbsttor Berti Vogts, zweimal Hans Krankl, Österreich siegte 3:2:
"I wer narrisch", schrie der österreichische Radioreporter Edi Finger angesichts des ersten Sieges gegen Deutschland seit 47 Jahren immer wieder ins Mikro.
Auch 40 Jahre später wird der in Grünwald bei München lebende 342-fache Bundesligaspieler (95 Treffer) noch "narrisch", denn seinen Frieden schloss Beer mit Cordoba nie so richtig. "Ich sage zu meiner Entschuldigung, dass ich nur die erste Halbzeit gespielt habe, und da stand's 1:0."
Und es gibt noch so ein Spiel, das "Ete", wie Beer zu seiner Zeit bei Hertha BSC von den Berlinern "getauft" wurde, nie vergisst: Zwei Jahre zuvor stand er bei der "Nacht von Belgrad" im EM-Finale, das Deutschland im Elfmeterschießen verlor.


Die "Nacht von Belgrad"

Uli Hoeneß verschoss und bescherte damit den Tschechoslowaken den Titel. Kurios: Auch da wurde Beer kurz vor Ende der regulären Spielzeit ausgewechselt. Im Nachhinein erwies sich diese Entscheidung als ärgerlich: "Ich war nach Rainer Bonhof als zweiter Elfmeterschütze vorgesehen."
Aber von Belgrad noch einmal zurück nach Argentinien: Viereinhalb Wochen war er mit seinen Teamkollegen in Ascochinga in einem Erholungsheim der argentinischen Luftwaffe untergebracht. "Unsere Mannschaft sollte sogar entführt werden", erinnert sich Beer. Zum Schutz bewachten Soldaten das Camp.


Sepp Maier mit der Gummipuppe

Eigentlich hellte nur Spaßvogel Sepp Maier die Stimmung auf. Zum Beispiel mit der Gummipuppe, die er Beers Zimmerkollegen Bernd Hölzenbein ins Bett packte. Maier wollte sogar einmal ausbüxen, als nachts Schüsse fielen. Die Soldaten hatten etwas rascheln gehört und feuerten in die Luft. "Mir war es auch immer mulmig", erinnert sich Beer an diese irgendwie beklemmende Zeit.
In noch schlechterer Erinnerung blieb der Rückflug von Buenos Aires nach Cordoba. "Es gab starke Turbulenzen, da sind einige fast gestorben. Klaus Fischer und Rüdiger Abramczik haben sogar geschrien."


1975 wurde Kindheitstraum war

Als Beer 1975 zum ersten Mal für die Nationalmannschaft auflief, wurde sein Kindheitstraum wahr. Seine Leistung explodierte. In der Folgesaison schoss er als Mittelfeldspieler 23 Tore in der Bundesliga für Hertha. Die WM vor 40 Jahren sollte die Krönung werden - doch es kam anders.
Beim schwachen Eröffnungsspiel gegen Polen stand Beer noch auf dem Platz, aber nach dem Auftakt musste er zwei Partien zusehen. In der Finalrunde kam er wieder zum Zug: Wieder eine "Nullnummer", dieses Mal gegen Italien. Gegen die Niederlande verspielten die Deutschen kurz vor Schluss die mögliche Finalteilnahme (2:2) und dann diese "Schmach von Cordoba": "I wer narrisch."
"So aufzuhören war nicht schön." Ein Jahr spielte Beer danach noch für Hertha, dann zwei Jahre in Saudi-Arabien. 1981 hängte er eine Saison bei 1860 München in der Zweiten Liga dran. Beer lebt heute in München-Grünwald.


Spaziergänge mit Rummenigge

Als Fuhrparkchef von BMW arbeitete er nach seiner Karriere, inzwischen ist er Rentner und kann sich trotz der Schmach von Cordoba noch an viele schöne Fußball-Momente mit großen Emotionen erinnern. Montags spielt er regelmäßig Tennis, ab und zu auch mit Sepp Maier. Karl-Heinz Rummenigge wohnt in der Nachbarschaft. Manchmal gehen sie gemeinsam spazieren. Auch der Bayern-Vorstandsvorsitzende erlebte die "Schmach von Cordoba" hautnah mit - doch darüber reden beide nicht. Denn dann werden sie schnell wieder narrisch...