Klaus-Peter Gäbelein

Herzogenaurach —  Montag, 16. April 1945. Kanonendonner im Osten und Westen. Liesl Fritz, knappe 30 Jahre alt, war gegen neun Uhr auf dem Weg in den Steinweg, um im Milchgeschäft Islinger trotz des Ausgehverbots Milch für ihre vier- und zweijährigen Kinder zu kaufen.


Die Ami senn do!

Der Alltag für die Bewohner des Städtchens war anfangs geprägt von Angst, aber auch von Hass gegenüber den Neuankömmlingen. Schließlich hatte man der Bevölkerung neben den ewigen Durchhalteparolen immer wieder Hoffnung auf den "Endsieg" gemacht. Jetzt aber herrschte Ausgangssperre und alle vorhandenen Waffen mussten abgegeben werden (manche vergruben die Pistolen und Gewehre in den Gärten oder warfen sie in die Aurach), auch die Fotoapparate wurden konfisziert.
Daneben herrschte anfangs Ausgangssperre ab dem Sonnenuntergang und es durften nie mehr als zwei bis drei Personen zusammenstehen; die Angst vor einer Verschwörung war bei den Amerikanern groß.
Die Besatzer benahmen sich in den ersten Tagen tatsächlich wie die Sieger. Manches Inventar wurde zerstört; es schmerzte, als man sah, dass die Bestände des Stadtmuseums geplündert wurden. "Was wollen die denn mit Ritterrüstungen und Säbeln oder Degen aus dem Stadtmuseum, warum zerschlagen die denn die Feuerwehrgerätschaften samt der Spritze?"
Zorn und Angst paarten sich mit der Ungewissheit und der bangen Frage: Wie soll das weitergehen oder enden? Nach ersten Tagen der totalen Verunsicherung warfen kinderfreundliche US-Soldaten hin und wieder Bonbons, ja sogar Schokolade, in Blechdosen verpackt , oder "salzige Plätzli" (Crackers) aus ihren Jeeps. Aber was sollte man mit den silbernen dünnen Streifen anfangen auf denen die unverständlichen Worte "chewing gum" standen?
Doch bald fanden findige "german boys" heraus, dass man diese Streifen (ohne Papier!) "kaia" (kauen) muss, so wie es die Amis auch taten. Und für manchen Erwachsenen war es wie ein Feiertag, wenn aus einem Jeep Ami-Zigaretten auf die Straße flogen, denn Tabak oder Zigaretten waren seit Kriegsausbruch Mangelware geworden.
Fazit: Nach einiger Zeit wurden die Herzogenauracher und auch die Besatzer "zutraulicher". Die Kinder kletterten auf die Panzer, ab und zu wurden Dosen zugeworfen mit den Aufschriften "corned beef". Und weil die Dosen verschlossen waren und die Amis aus ihrem Inhalt Brotzeit machten, konnten diese "komische Wurst" ja gar nicht vergiftet sein, wie die Nazi-Propaganda verkündet hatte. Dennoch getraute man sich in einer Familie eines sechs Jahre alten Mädchens mit blonden Haaren anfangs nicht, das gegrillte Hähnchen, das ihm vorbeifahrende US-Soldaten in ihre Schürze gelegt hatten, zu verzehren.


Die Ami bleibn doo!

Dass die Besatzer (die Offiziere!) die wenigen Bürgerhäuser besetzten, in denen es fließendes Wasser, ein Bad und sogar ein WC mit fließendem Wasser gab, schmerzte zwar, aber bald fanden fleißige Herzogenauracher Hausfrauen als Waschfrauen oder Büglerinnen Anstellungen bei den Amerikanern (die Unteroffiziere und Offiziere legten Wert auf "scharfe" Bügelfalten an ihren Hemden oder Uniformhosen); sie wurden mit Naturalien versorgt: von fein riechender Seife über alkoholische Getränke wie Gin oder Whisky, Zigaretten, Bohnenkaffee oder Lebensmittel reichte die Palette.
Und als nach einigen Wochen die leerstehenden Kasernen am Flugplatz von den Amerikanern bezogen worden waren, fanden auch Herzogenauracher Handwerker lohnenswerte Beschäftigungen dort oben "auf des Base" wie der Flugplatz nun genannt wurde.
Und in den 60er und 70er Jahren hatte man sich schließlich aneinander gewöhnt. Die Ausgangssperren für die Soldaten wurde aufgehoben. Man sah des öfteren US-Soldaten in der Stadt, vor allem in den Gasthäusern (Fortsetzung in unserer morgigen Ausgabe).