"Mach doch mal ein Stück über Luther", sagte Jürgen Zinck, Dekan im Ruhestand, vor ein paar Jahren zum Theatermacher Rüdiger Baumann - da dachte der noch gar nicht an das Reformationsjahr. "Entstanden ist ein Stück, bei dem Luther nicht so vorschmeckt, er begleitet es vielmehr durch das Einfließen seiner Tischreden", sagte Rüdiger Baumann, als er das Publikum im vollständig ausverkauften Theater am Sonntagabend zur Premiere begrüßte.
Gleich drei Geistliche verpflichtete er für die Aufführung, und das sei insbesondere bei der Terminplanung nicht immer leicht gewesen, scherzte er. Doch worum geht es dann eigentlich in den "Wahrheitssuchern"? Zentrale Figur ist die junge Valerie (Nadine Dörfler), die auf ihrem Floß über das Meer treibt und nicht so recht weiß, in welche Richtung sie ihr Ruder einlegen soll. Gut, wenn die Erwachsenen Rat wissen, oder nicht? "Wir lassen als die ältere Generation jüngere Menschen gern an unserem reichen Erfahrungsschatz teilnehmen", sagt Rüdiger Baumann, "und wir ärgern uns, wenn sie unsere gut gemeinten Ratschläge nicht annehmen."
Aber hat unsere Zeit automatisch recht? Sind wir wirklich so gescheit? "Wir orientieren uns in vielen Dingen am Zeitgeist und dem, was die Mehrheit so macht", erklärt Baumann und sucht Antworten auf die Fragen, die ihn beschäftigen. "Wir glauben uns an der vordersten Front der Entwicklung, wie es auch zu Luthers Zeiten schon der Fall war." Dabei sei auch der in vielerlei Hinsicht in den damals herrschenden Ansichten gefangen gewesen und habe so manches von sich gegeben, das heute haarsträubend klingt. "Versuchen Sie sich einmal auszumalen, was man in einem halben Jahrtausend über uns sagen wird", forderte er die Zuschauer auf.
Nicht nur in seinem Stück "Die Wahrheitssucher" plädiert Rüdiger Baumann dafür, bereit zu sein für Veränderung, wachsam darin zu sein, was wir denken, uns weiterzuentwickeln. "Ich finde, Valerie macht es ganz richtig. Sie folgt nicht blind den Autoritäten und lässt sich auf das Abenteuer Leben ein." Dabei ist es für die junge Frau gar nicht so einfach: Der Kant und Seneca zitierende Vater (Raimund Pretzer) hat ihren Weg längst vorgezeichnet, die Mutter (Silvia Canola-Haußner) möchte sie behüten, der Protestant (Martin Fleischmann) geht ihr mit Luthers Zitaten auf die Nerven und der katholische Priester (Jürgen Zinck) versucht Valerie, die nicht so recht an einen Gott glauben mag, davon zu überzeugen, dass sie doch fähig ist zu glauben. "Du hast alle Freiheiten", wird ihr gesagt, doch welche genau hat sie eigentlich? "Gut ist, vorn dran zu sein", sagt der Vater, doch wo ist denn vorn auf einem Meer? Fragen über Fragen, die sich auf der Suche nach der Wahrheit auftun - einer Wahrheit, die letztendlich kein Mensch kennt. In "Die Wahrheitssucher" wird dazu aufgerufen, sich mit seinen eigenen Gedanken auseinanderzusetzen und der Zuschauer erfährt, dass er mit vielen Fragen und Herausforderungen, die das Leben an uns stellt, gar nicht so alleine ist. "Deshalb kann ich Valerie nur wünschen: Möge sie noch lange auf der Suche nach den Wahrheiten bleiben."
Wer sich mit Valerie auf die Suche nach der Wahrheit begeben möchte, sollte sich rechtzeitig Karten für die nächsten Vorstellungen reservieren unter www.das-baumann.de oder unter Telefon 09221-93393.